amour fou I

Er sah auf die Uhr: noch fünf Minuten bis zur Abfahrt des Zuges. Er zog das Fenster im Lokführerhaus herunter und sah den Bahnsteig entlang. Ob sie wieder mitfahren würde? Bisher hatte er sie noch nicht entdecken können. Trotz lebhaftem Treiben auf dem Bahnsteig. Er hätte sie bestimmt erkannt. Sie wäre ihm aufgefallen. Mit ihrem weinroten, französischen Hut, den sie stets etwas neckisch zur Seite gerutscht auf dem kastanienbraunen Haar, das in der Sonne rötlich schimmerte, trug. Eine eher burschikose Frau. Eine, die nicht im umständlich wallenden Kleid, zur Zugfahrt erschien, und bis zum Einstieg einmal den Staub der Straße aufgewischt hatte. Sie erschien entweder im burschikosen Hosenanzug oder in einem das Knie bedeckenden, halb langen Kleid, das in mehrere Lagen übereinander fiel. Das sah raffiniert aus, fand er, wenn sie im Zugrestaurant saß, selbst vergessen zum Fenster hinaus blickte und die Beine übereinander schlug, so dass er stets das rechte Knie und das darunter frei gelegte Bein erkennen konnte. Ein langes, schlankes Bein. Zumindest stach im das in die Augen, schon wenn er die Tür zum Speisewagen aufschlug. Sie saß immer auf derselben Seite, am selben Platz, ganz rechts oben, wenn man aus der zweiten Klasse kommend in diesen Raum trat, der eher einem Teesalon als einem Zugwaggon glich. Er kam gern hierher. Hier versammelten sich die Gäste der ersten Zugklasse, die sich mit ihren Waggons an der dahinter liegenden Seite anschloss.
Meist saß sie da, vor ihrem Kännchen Mokkakaffee und rauchte eine ihrer langstieligen Zigaretten, was er normalerweise an den Frauen in der kronländischen Heimat verabscheute. Doch zu ihr passte das. Es unterstrich ihren Charakter von Welt, ihren Eigensinn. Zumindest glaubte er, dass sie zu jenen eigensinnigen Frauen des modernen Westens zählte, wie sie sich nun öfters in seinen Zug verirrten. Meist stiegen sie in Wien-Westbahnhof zu und fuhren nur bis Budapest mit, selten bis Lemberg und schon gar nicht bis nach Czernowitz. Sie war die erste und in den letzten Monaten hatte er sie schon mehrere Male auf der Fahrt gesehen. Was sie wohl fern der Kaiserstadt in seiner Stadt suchte? Schließlich fuhr sie stets alleine mit. Er konnte sich zumindest nicht erinnern, sie schon einmal in Begleitung gesehen zu haben.
Manchmal trug sie auch einen Stapel bedrucktes Papier mit sich, hatte es vor sich auf dem Tisch links von ihrem Kännchen und dem Aschenbecher liegen. Sie blickte abwechselnd aufs Papier und zum Fenster hinaus, nahm einen Zug von ihrer Zigarette, nippte zwischendurch am Mokkatässchen und sah wieder hinaus. Dabei merkte sie nie, dass ihr Kleid verrutschte, dass es über das Knie hinauf rutschte, wenigstens eine, wenn nicht zwei Handbreit oberhalb vom Knie. Jedenfalls glaubte er das, denn hätte sie es bemerkt, hätte sie doch gewiss wie all die anderen Frauen, die sonst im Zug mitfuhren, das Kleid wieder gerade gezogen, den Saum über das Knie hinab gezupft. Jedenfalls taten das so die anderen Damen in dem Waggon. Wobei, wenn er recht überlegte, die saßen nie mit übereinander geschlagenen Beinen in den Restaurantbänken, sondern rückten, wenn sie sich schon bequem zurecht setzen wollten, die Beine zusammen geschlossen, leicht seitlich nach innen. Da konnte er auf seinen Stippvisiten durch den Speisewaggon keinen ähnlichen Blick erhaschen. Da bot sich seinem Blick keine ähnliche Freizügigkeit.
Wieder blickte er auf den Bahnsteig hinab, noch immer entdeckte er nicht diesen roten Hut und die Kofferträger, von denen sie normalerweise begleitet wurde, denn sie führte immer umfangreiches Gepäck und mehrere Koffer mit sich. Das passte eigentlich nicht zu ihr, dachte er sich. Doch er hatte keine Zeit mehr, sich weitere Gedanken zu machen. Es war höchste Zeit hinaus auf den Bahnsteig zu treten und das Signal zur Abfahrt zu geben, in drei Minuten würde sich der Zug gen Wien in Bewegung setzen, wollten sie planmäßig abfahren. Er schloss das Fenster.
Draußen pfiff er einmal lange in seine Trillerpfeife, die er stets in der Seitentasche seiner Uniform mit sich führte. Eineinhalb Minuten bis zur Abfahrt. Der Bahnsteig noch voller Menschen. Die Trillerpfeife versetzte manch einen in hektische Bewegung: Koffer, Hutschachteln und Patisserien in pastellfarbigen Kartons verschwanden durch geöffnete Fenster und offene Türen ins Zuginnere hinein hievend. Weibliche Zuggäste schnieften in ihre Taschentücher und umarmten hastig den einen oder anderen, der auf dem Bahnsteig zurückbleiben würde.

Am Ende des Zuges herrschte noch hektische Betriebsamkeit.
Das sah er schon von weitem, als er den Bahnsteig abschritt.
„Vite. Vite. Vite – messieurs“, hörte er eine helle Frauenstimme aus dem Zuginneren rufen, während sich auf dem Bahnsteig davor noch drei längliche Koffer hochkant türmten.
Er wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn. Immer diese Erste-Klasse-Passagiere, die dachten, sie seien was Besseres. Seine bisher pünktliche Abfahrt rückte in weitere Ferne. Zu allem Überfluss plärrte auch noch ein Kind, das offenbar nicht in den Zug hinein wollte und sich mit aller Kraft auf der Treppe in die Gitterstäbe stemmte und seitlich am Zuggeländer festhielt. Beherzt griff er es sich und hob es über die drei schmiedeeisernen Stufen hinein ins Innere des Zuges einer ihn dankbar anblickenden Mutter entgegen.
Als er wieder auf dem Bahnsteig war, standen immer noch zwei der sperrigen Gepäckstücke vor der ersten Klasse herum. Er griff erneut zur Trillerpfeife und sah während er länger als üblich hinein blies zur Uhr. Bereits 30 Sekunden über der Zeit. Das werde man auf der flachen Strecke vor Ivano-Frankivsk aufholen müssen. Mit drei Schritten war er an den Gepäckstücken und wollte in seiner ihm eigenen bär beissigen Art losdonnern, als im herunter gezogenen Fensterrahmen ein dunkler Haarschopf mit weinrotem Hut erschien.
„Monsieur Le Conducteur, wir sind gleich so weit, nur eine Minüt!“ – sprachs und verschwand, während zwei Gepäckträger, die er eilends vom Bahnsteig gegenüber herbeiwinkte über die Gleise herbei sprangen und mit ihren Kofferhelfern, denen bereits der Schweiß auf der Stirn perlte, die restlichen Gepäckstücke hinein bugsierten.
„Sind wir nun so weit“ – fragte er – vielleicht eine Spur zu herrisch ins Dunkle des Abteils hinein. Er hasste es, wenn er zu spät aus dem Bahnhof heraus kam, gleich um wen es sich handelte.
„Sicher, Monsieur – isch bin bereit“ – ihr roter Hut erschien erneut am Fenster und da sah er endlich einmal das Gesicht aus nächster Nähe, ihr Gesicht, das ihn unvermittelt anblickte und ihm das hübscheste Lächeln schenkte, das er seit langem erhalten hatte.
„Na… endlich“ – brummte er, tippte ihr zum Gruße mit dem rechten Zeigefinger an seine Zugführerkappe, trat einen Schritt zurück, in die Mitte des Bahnsteigs, und pfiff lang und schrill in seine Trillerpfeife.

Fortsetzung>>>

Roza`s Sonntagvormittag

„Schreib mir Deine Lebensgeschichte auf“, sagte mein Ur-Enkel Rolf neulich zu mir!
„Du bist meine einzige noch lebende Zeitzeugin aus dem vergangenen Jahrhundert“.
Rolf betreibt Ahnenforschung.
Gierig saugt er alle Informationen auf, die er von mir kriegen kann. Bis ins 16. Jahrhundert reichen die Wurzeln, die er bisher zu unserer Familie ausgegraben hat. Wie ein Puzzle setzt er einzelne Hinweise aus den Mosaiksteinen der Erzählungen in unserer Familie zusammen. Er geht jeder Spur nach. Geschichtliche und politische Ereignisse recherchiert er aus dem Internet hinzu.
Als Rolf mich vor einer Woche wieder einmal im Seniorenstift besuchte, wollte er, dass ich ihm von meiner Kindheit erzähle: „Ur-Oma, wie war das damals, als Du ein Kind warst? Welches Ereignis wirst Du nie vergessen?“
„Oh Junge, daran möchte ich gar nicht mehr denken. Wenn man wie ich bald einundneunzig Jahre alt wird, kommt einem rückblickend manches wie eine unendliche Fernsehserie vor.“

Eigentlich wollte ich Rolf nichts erzählen.
Manches liegt auch so lange zurück, dass ich glaube, es gar nicht erlebt zu haben.
Doch Rolf quengelte und quengelte und ließ nicht locker. Er holte mein uraltes Jugend-Fotoalbum, mit dem weinroten abgegriffenen Einband hervor, dessen Seiten sich nur noch mit einem Gummiband zusammenhalten lassen. Gemeinsam fingen wir an die alten, vergilbten Fotos aus den 1920er und 1930er Jahren zu betrachten.

Die junge Frau mit den langen braunen Haaren und den lachenden Augen bin das ich?
Bin das wirklich ich, die Roza, die im Marlene Dietrich Kostüm, auf dem Kopf ein kleines Hütchen, als 18-jährige neben dem Vater vor dem Theater steht?

Ach, waren das Zeiten!
Wir lebten am anderen Ende der Welt. In der ehemals österreichischen Kronstadt Czernowitz, der östlichsten Stadt der früheren österreichisch-ungarischen k.u.k. Monarchie.
König Carol II. regierte unsere kleine heile Welt in der Fünfzigtausend-Einwohner-Stadt, in der Deutsche, Rumänen, Juden, Russen und andere Volksstämme friedlich miteinander lebten. Wir sprachen alle mindestens drei bis fünf Sprachen und Dialekte. Dreihundert Zeitungen und mindestens genauso viele Kaffeehäuser gab es und das riesige Theater, vor dem mein älterer Bruder uns, meinen Vater, meine drei Schwestern und mich fotografiert hatte.

Vater arbeitete Tag und Nacht. Als Zugführer war er bei der österreichischen Staatseisenbahn. Von seinen Zugfahrten in ferne Städte brachte er uns oft schöne Kleider, Röcke und Kostüme mit. Wenn er nicht ins ferne Wien unterwegs war, half er seinem Bruder. Der hatte ein Taxiunternehmen.

Doch der Sonntagvormittag war ihm heilig, der gehörte immer uns, seinen Töchtern.
Nach dem Kirchgang führte er uns ins Kaffeehaus aus. Das war Tradition. Während die Mutter mit den Hausbediensteten das Mittagessen zubereitete und mein Bruder dem Onkel bei den Taxen half.

Meistens gingen wir ins Cafe Central, das gegenüber vom Theater lag. Wie im Taubenschlag ging es zu. Unter den Augen habsburgischer Schönheiten, die von den Wänden lächelten, trafen sich internationale Geschäftsleute, schäkerten Offiziere und genossen Berühmtheiten aus allen Städten des ehemaligen Kaiserreiches ihren Kaffee: Literaten, Maler und Musiker ebenso wie Politiker, Professoren und andere Gelehrte. Die einen debattierten lautstark an ihren Tischen, während andere still in einer der vielen Zeitungen, die hier auslagen, lasen. An manchen Tischen philosophierte einer, während der Rest der Gesellschaft lauschte. Oft unterhielten Musikanten, Stehgeiger genauso wie Damen- oder Jugendkapellen, den Saal. Am schwersten hatten es die Pianisten, die gegen das Stimmengewirr, das Schwätzen im Saal anspielten. Ja, im Saal, denn die damaligen Kaffeehäuser hatten in ihrer überdimensionierten Größe nichts gemein mit den Cafés, die es heute gibt. Manche Kaffeehäuser waren so groß wie heute eine kleinstädtische Bahnhofshalle. Die Glastüre im Eingang drehte sich ununterbrochen, oft konnte man innerhalb einer Stunde den gleichen Hut, denselben Bart, dieselbe Nase zigfach in Rotation sehen. Viele kamen nur, um zu sehen und gesehen zu werden.

Unser Kaffeehausbesuch spielte sich immer gleich ab:
Gegen halbzwölf betraten wir hintereinander vor dem Vater das Cafe, zuerst Erna, die Älteste, gefolgt von Fritzi, Lissi und mir. Wir setzten uns in der Mitte des Saals am Fenster nieder, denn so hatten wir sowohl das Geschehen im Innern wie auch auf der Straße im Blick. Sobald wir saßen, brachte der Oberkellner für Vater einen Einspänner, für Erna und Fritzi einen Verlängerten, für Lissi und mich Schokolade, dazu vier mürbe Kipferl. Danach bekam Vater zuerst die Sonntagszeitung, dann die Wiener Zeitung, wir die ausländischen Mode-Magazine. Ein Ritual, das sich stets in gleich bleibender Weise abspielte. Kichernd blätterten wir Jüngeren in den Modezeitschriften, während Erna und Fritzi sich die Köpfe nach den jungen Offizieren verrenkten oder verschämt wegguckten. Manchmal tänzelte eine der beiden am Arm eines Korso-Offiziers davon, um in der Saalmitte einen Walzer aufs Parkett zu legen.

Heute glaube ich, dass unser Vater niemals die Zeitung las, sondern immer heimlich aus den Augenwinkeln seine beiden Ältesten beobachtete und ein Auge darauf hatte, dass nichts Unsittliches geschah. Letztlich war es für ihn und Mutter eine gute Gelegenheit, interessante und gut betuchte Schwiegersöhne für die Töchterschar zu entdecken. So hatte er nicht nur ein Auge auf unsere Liebeleien, sondern lenkte und bestimmte indirekt auch das Lebensglück seiner Töchter. Wer sich im Kaffeehaus nicht bewährte, der hatte keine Chance über die Türschwelle unseres Hauses und in die Familie einzutreten.

Während ich in alten Jugend-Erinnerungen an unsere Kaffeehaus-Tradition schwelgte, hatte Rolf im Familienalbum längst weiter geblättert.
„Wer ist denn das?“ riss er mich mit lauter Stimme aus meinen Gedanken und deutete auf ein vergilbtes Foto. Es zeigt eine junge Frau, die auf Schlittschuhen, auf einem Bein stehend, den Oberkörper leicht nach vorne gebeugt, die Hände waagrecht von sich gestreckt, auf dem Eis eine Pirouette dreht. Rolfs Zeigefinger deutete jedoch nicht auf die junge Frau, sondern auf den jungen Mann dahinter, der es ihr synchron gleich tat. „Warum fehlt dem denn das Gesicht? Warum ist das weggekratzt? Wieso sind vom Kopf nur noch die Haare zu sehen?“

„Ach Junge, das ist eine andere Geschichte! Für heute ist es genug mit dem Bilder gucken! Es ist gleich fünf, musst Du nicht langsam zum Zug?“ Energisch klappte ich das Album zusammen, raffte mich mühsam vom Sessel hoch und packte es in den Schrank zu den anderen Erinnerungen aus einer längst vergangenen Zeit, während Rolf seinen Mantel anzog und sich anschickte zu gehen.

Fortsetzung folgt

Flirrende Augenblicke V

„Warum ich dir nicht schreibe? – Fragst du das und bist doch auch der Gelehrten einer. Du solltest raten, daß ich mich wohl befinde, und zwar – kurz und gut, ich habe eine Bekanntschaft gemacht, die mein Herz näher angeht. Ich habe – ich weiß nicht.

Dir in der Ordnung zu erzählen, wie’s zugegangen ist, daß ich eins der liebenswürdigsten Geschöpfe habe kennen lernen, wird schwer halten. Ich bin vergnügt und glücklich, und also kein guter Historienschreiber.

Einen Engel! – Pfui! Das sagt jeder von der Seinigen, nicht wahr? Und doch bin ich nicht imstande, dir zu sagen, wie sie vollkommen ist, warum sie vollkommen ist; genug, sie hat allen meinen Sinn gefangengenommen….

…Wir traten ans Fenster. Es donnerte abseitwärts, und der herrliche Regen säuselte auf das Land, und der erquickendste Wohlgeruch stieg in aller Fülle einer warmen Luft zu uns auf. Sie stand auf ihren Ellenbogen gestützt, ihr Blick durchdrang die Gegend; sie sah gen Himmel und auf mich, ich sah ihr Auge tränenvoll, sie legte ihre Hand auf die meinige und sagte: »Klopstock!« – Ich erinnerte mich sogleich der herrlichen Ode, die ihr in Gedanken lag, und versank in dem Strome von Empfindungen, den sie in dieser Losung über mich ausgoß. Ich ertrug’s nicht, neigte mich auf ihre Hand und küßte sie unter den wonnevollsten Tränen. Und sah nach ihrem Auge wieder – Edler! Hättest du deine Vergötterung in diesem Blicke gesehen, und möcht‘ ich nun deinen so oft entweihten Namen nie wieder nennen hören!“

Wer hier schreibt, beschreibt am „16. Junius“ das Blitzen und Donnern, das der berühmteste Flirt der deutschen Weltliteratur auslöste: Die Leiden des jungen Werther, Kapitel 1, von Johann Wolfgang von Goethe.

Was hier glückt, gelingt in der Welt der Literatur durch des Autors Hand. Das Zauberwort „Klopstock“ des damaligen, gleichnamigen „Pop“-Poeten berühmtes Gedicht „Die Frühlingsfeyer“, das Lotte und Werther beim Anblick der zuckenden Donnerblitze am wehenden Vorgang beim Fenster assoziieren, versetzt ihre Herzen in jenen Gleichklang, von dem Werther noch am nächsten Tage schwärmt, als er diesen Brief schreibt.

Ein Phänomen, das heute im wahren Leben eher selten.

Ein Flirt synchronisiert ja nicht automatisch die Sympathien von zwei Menschen, die sich gerade mal ein paar Sekunden kennen. Geht es beim Flirt doch um das Unverfügbare zwischen zwei Menschen: die Sympathie, die zwischenmenschliche Begegnung. Und wenn es sich steigern ließe: die Anziehung und die Erotik.

Wobei ein Flirt eine gewisse Eingestimmtheit der Beteiligten voraussetzt. Anders gesagt: Es braucht eine Flirt-Gestimmtheit auf beiden Seiten.
Wenn einer in hochgestimmter Flirtlaune ist, weil die Hormone des Frühlings überschießen, der andere aber – aus welchen Gründen auch immer, und die brauchen in keinster Weise in der Person des Gegenüber liegen – gar nicht in der Laune dazu ist, kann nur eines passieren: Der Flirt geht gründlich daneben. Die Wissenschaft spricht dann vom „asymmetrischen“ Flirt.

Der trifft einen. Unvermittelt. Wie ein Faustschlag einen Boxer im Ring vor dem offiziellen Rundengong! Passt aber zu manchem Männertyp. Vor dem haben die alten Bukowiner Tanten die jungen Nichten immer gewarnt! Er käme meist aus den Wäldern, manchmal aus der Weite der Steppe. Sei unzivilisiert. Wolle nur das eine. Da kicherten die Nichten stets.

Heute gibt es keine Bukowiner Tanten mehr! Jedoch immer noch diesen Männer-Typ.
Er reitet nicht mehr hoch zu Pferde. Vielmehr tarnt er sich in den Schattierungen des urbanen Lebens, gleich einem Chamäleon. Unscheinbar. Manchmal ist er in Statur und Optik hässlich anzuschauen. Ein anderes Mal kommt er gestylt wie ein Dressman daher.

Jedenfalls zur damaligen Zeit, während der goldenen Zwanziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts, herrscht noch Ordnung und Sitte in der Familiensippe im fernen kronländischen Czernowitz.
Das ging soweit, dass innerhalb der deutsch-österreichischen Gemeinde den jungen Frauen und Mädchen der Umgang mit bestimmten Familien, in denen es solch geartete wilde Karpatenjäger gab, schlichtweg untersagt war. Selbst der Umgang mit den Schwestern solcher Rabauken ward nicht gern gesehen, da die Eltern und Brüder die ständige Gefahr des“ Verführt werden“, witterten.

Ich bin mir ziemlich sicher, dies war der Grund, weshalb der Patriarch der Familie, Karl, seine pubertierenden Töchter sonntags lieber unter Aufsicht ins Kaffeehaus ausführte, als sie in unbekannter männlicher Begleitung zum Sonntagstanz ziehen zu sehen.

Andererseits hatte es der Karl selber faustdick hinter den Ohren. Unterhielt er doch im fernen Wien ein „zweites Büro“!
Mehrmals im Monat führte ihn sein Weg als „Conductor“ [Zugführer] der kronländischen Eisenbahn in die ferne Kaiserstadt. Drei Tage hin, drei Tage zurück dauerte üblicherweise die Fahrt auf der einspurigen Trasse von Czernowitz über Lemberg hinunter nach Budapest und von dort nach Wien. Zwischendurch hielt der Zug und legte eine mehrstündige Pause ein. Des Nachts wurde nicht gefahren. Das war auf den Steigungen viel zu gefährlich, denn es wurde noch von Hand gebremst.

Dieser Hang zum „Zweiten Büro“ war in den Zeiten des frühen 20. Jahrhunderts weit verbreitet. Der Grund dafür mag in der damaligen Gesellschaftsform und der katholischen Doppelmoral gelegen haben.
Nun wissen wir nichts über die Wirkweise in der Gegenwart – bis auf jene Beispiele, die man sich familienintern nach Ableben des Büroinhabers erzählt[e].

Fortsetzung folgt

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