amour fou IV

Bald hatte er es geschafft.
Das letzte Stück der Reise.
Wieder einmal.

Gerade noch rechtzeitig, bevor das Bahnhofs-Kaffeehaus schloss, der Zeiger auf der großen Bahnhofsuhr war bereits auf kurz vor sechs Uhr vorgerückt, war es ihm gelungen, hinein zu kommen. Er stellte sich gleich an den Tresen. Zum Ständer mit den Ansichtskarten. In der Eile griff er nach der nächstbesten. Er war spät dran und ewig konnte er den Zug draußen auf dem Gleis nicht stehen lassen. Die Waggons waren voller als sonst. Alle schienen in die Kronländer zurück zu drängen. Heimwärts. Nach der Sommerfrische. Bevor der erste Schnee fiel. Das konnte hier, hinter dem östlichsten Karpatenbogen, früher passieren als unten an den milden Ufern der blauen Donau. Oftmals fiel bereits Anfang Oktober der erste Schnee.

Fünf Stunden Fahrtzeit lagen vor ihm. Er hatte fünf Minuten. Für die Karte brauchte er zwei. Es war ihm einerlei, dass die Passagiere im Zug warteten. Ihm gelüstete jetzt nach einem Kaffee. Er stellte sich an den Tresen und winkte den Ober herbei. Der kannte ihn schon.
„Einen Mokka, der Herr, wie immer, und einen Kugelschreiber.“
„Ja, einen Schreiber.“

Er wusste, was auf der kleinen Karte dieses Mal drauf stehen sollte. Auf der Fahrt von György hierher hatte er Zeit genug gehabt, sich den Text zu überlegen.
Am liebsten sandte er sie hier ab, seine Kartengrüße nach Wien. Von hier dauerte es nicht so lange, wie von Ivano-Frankisk. Er rechnete… überschlug die Zeit in seinem Kopf, wie lange die Karte nach Wien brauche: Drei Tage, höchstens vier.

Er überlegte. Mit der Tür wollte er nicht ins Haus fallen. Das lag ihm nicht. Außerdem musste er vorsichtig sein. Man konnte nie wissen. Also schrieb er:

Liebwerte Auguste,

von allen Seiten drängt ein drohend Grau
Uns zu. Die Luft will uns vergehen.
Ich aber kann des Himmels Blau,
Kann alles Trübe sonnvergoldet sehen.

Mag sein, daß alles Böse sich
Vereinigt hat, uns breitzutreten.
Drei Rettungswege gibt’s: Zu beten,
Zu sterben, und …

Und alle drei in gleicher Weise
Gewähren Ruhe, geben Mut.
Es ist wie holdes Sterben, wenn wir leise
Beten…

Gott zum Gruße
Karl

In der Hoffnung, sie verstünde, was er ihr sagen wolle, auch wenn er jeweils den entscheidenden Satz am Ende jedes Verses wegließ.
Er hegte die vage Hoffnung, dass ihr hübsches, kleines Köpfchen den korrekten Text hinzufüge. Schließlich war sie vom Fach, schrieb sich die Texte ihrer Auftritte selbst. Es faszinierte ihn zutiefst, dass dieses junge Geschöpf, dieses zarte Wesen, zu ergänzen verstand, was er oftmals erst in einem Satze gedacht hatte. Sie sprach es aus!

Sie belebte seine Sinne und erfrischte sein Herz.
Es war ihm, als könne er endlich, endlich wieder frei durchatmen.
Als söge er die Lebens-Luft wieder voll in sich auf.

Dazu dieser betörende Duft, der von ihr ausging, der sie umgab, wenn sie vor ihm die Treppe hinauf oder hinab schritt.
Gar manches Mal hatte er sich dabei ertappt, wie er ihr auf den Hintern oder den Busen starrte. Er wollte das nicht. Doch er konnte nicht anders. Eine Tatsache, die ihr nichts auszumachen schien. Manchmal war es ihm, als stachele sein begehrlicher Blick sie, die junge Frau, erst recht an. Dann zupfte sie an ihrem Kleid und es rutschte wie zufällig ein paar Zentimeter höher. Oder sie beugte sich über den Tisch hinweg vor, so dass sein Blick unweigerlich, selbst wenn er es in keinster Weise beabsichtigt hatte, in ihren Ausschnitt fiel. Und das, was sich da hinter ihrem Balkon verbarg… Sie hatte nicht nötig, es zu verstecken. Auch wenn ihm ein kleines, neckisches Versteckspiel gefallen hätte…

„Der Herr, noch einen Mokka?“
Der Oberkellner.
Er störte ihn.
Jetzt.
In seinen Gedanken.
Ungeduldig wedelte er mit seinem Zeigefinger und nickte. Einen zweiten Kaffee konnte er wahrlich vertragen. Schließlich lag eine anstrengende Fünf-Stunden-Fahrt vor ihm… Bei Nacht nie ganz ungefährlich. Zumal wenn die Waggons zum Bersten voll mit Menschen waren. Er blickte sich um in dem Kaffee-Salon. Einige Zugfahrer meinte er von seinem Rundgang durch die Waggons wieder zu erkennen. Die meisten schienen bereits ihre Taschen zusammen zu packen. Zeit, dass er seinen Brief beendete, ins Couvert steckte und den Botenjungen herbei winkte. Auf ihn konnte er sich verlassen. Für ein paar Groschen konnte er sicher gehen, dass er ihm den Brief korrekt aufgab.

Da fiel im noch ein Verslein ein. Er griff sich eine weitere Ansichtskarte aus dem Ständer und fügte darauf geschwind hinzu:

Geliebte Auguste,

du bist meine zuflucht, mein zuhause, mein tor zur welt, mein rhythmus, meine tränen, mein lachen, mein ein und alles, das vom himmel gefallen.

In stiller Sehnsucht
Karl

Doch diese Karte wollte er heute nicht absenden,
die steckte er in die Innentasche seiner Anzugjacke.

>>Fortsetzung der vorigen folgend bis weitere folgen>>

…bis dahin möge ein Schellack-Souvenir vom Karkoff-Orchester die Zeit verkürzen

amour fou III

Feigheit! Mutlosigkeit!
Fühlte sie. Nach der sturmvollen Ruhe und der überschäumenden Revolte.

Sie verwünschte sich und die Konventionen, die ihr das Leben zuschnürten und beschwerlich machten. Manchmal sehnte sie sich in ein anderes Zeitalter. In ein künftiges. Sie hätte gern den Zeitsprung getan. Mit ihm. Dem Mann ihrer Träume. Eines, in dem sie – auch als Frau – würde frei und offen heraus reden können. Was ihr am Herzen lag. Besser darauf.
Doch, das tat eine wie sie, zu ihrer Zeit nicht.
Man redete nicht. D a r ü b e r!

Das tat Dame von Welt, auch wenn es nur jene die den Brettern gehörten, waren, nicht.
Es war nicht schicklich, den ersten Schritt zu unternehmen. Jenen auf das Objekt der Begierde hin.
Das gehörte sich nicht.
Schon gar nicht, wenn der andere verheiratet war. Zumindest vermutete sie das.
Schließlich hatte sie den schweren, dickwandigen Goldring an seiner rechten Hand aufblitzen sehen. Damals im Salonwagen, als er ihr seine Aufwartung machte und ihr mit seiner Aufmerksamkeit und seinem Humor die Fahrzeit durch die Nacht am Karpatenbogen entlang verkürzte.

Dennoch war da etwas, das sie nun wundern ließ. Über die Ausführlichkeit seiner Briefe.
Schrieb einer, der gebunden war, der glücklich liiert und am Ende gar Kinder hatte, so lange Briefe? Der kürzeste umfasste drei Seiten. Alle anderen hatten indes die Länge einer Kurzgeschichte. Sein längster zählte gar 28 Seiten. In den Wochen, in denen er nicht nach Wien kommen konnte, erreichte sie wenigstens ein langer Brief, manchmal auch noch ein kurzer Telegramm-Gruß aus Lemberg. Dann wußte sie, er hatte es kurz vor seinem Stammbahnhof aufgegeben. Vor Czernowitz. Dann wusste sie, jetzt werde sie vier, fünf Tage, manchmal auch siebene oder achte nichts mehr von ihm lesen.

Manchmal hätte sie gerne seine Stimme gehört. Das wäre ihr lieber gewesen, als ein Telegramm oder ein kurzer Kartengruß, der einen der Bahnhöfe, an denen er Halt gemacht hatte, zeigte. Ob das ein Beweis, ein Hinweis seiner Zuneigung, seines Begehrens nach ihr ward? Durfte sie das so tollkühn auslegen? Oder waren das überspannte Gedanken, die der Sehnsucht, dem Verzehren nach ihm geschuldet waren?

An Tagen wie diesen… wo sie so gar nichts sah und las… wo sie bald dreimal das Hausmädel nach dem Verbleib der Postkutsche fragte und ein schnippisches:
„Gnä` Frau, es hat noch nicht geschellt!“ zur Antwort bekam, verzweifelte sie schier.
Es zerriss ihr das Herz.
Zweifel nagten in ihrer Brust.
Eine innere Stimme flüsterte ihr ein: „Er macht sich einen Scherz mit Dir!“
„Warum sollte er sich mit Dir einlassen? Eine, die Tausend Zugkilometer weit weg wohnt? Hatte er zhaus` nicht genug Auswahl und Abwechslung? Zumal durch die Gastspiele anderer Komödianten, Kabarettisten und Sängerinnen!“

Beim letzten Gedanken seufzte sie tief, erhob sich und schritt hinüber zu ihrem Grammophon, um sich mit dem neuen Lied von Adele Kern abzulenken:
„Sag, armes Herzchen, sag“

>>>>Fortsetzung siehe amour fou IV>>>>

amour fou II

Als Frau ist eine stets zum Warten verdammt. Zeitlebens.
Warten auf die Süße des Lebens.

Das Warten war ihre Sache eigentlich nicht. Ihr konnte die Zeit bisher nie schnell genug vergehen, bis sie das hatte, was sie sich in den Kopf gesetzt hatte. Das war schon als Kind so, setzte sich fort als Jugendliche und zementierte sich in den jungen Jahren des Heranwachsens.
Manchmal nahm sie sich – für eine Dame zu ungestüm, so der getuschelte Kommentar hinter vorgehaltener Hand der alten Tanten – wonach ihr der Sinn stand oder wenn es ihr zu langsam ging. Nur manchmal da stieß auch sie an ihre Grenzen. Da wurde sie durch äußere Umstände, durch Bedingungen, auf die sie keinen Einfluss nehmen konnte, da sie ihrem unmittelbaren Zugriff entzogen waren, denen sie nachgerade ausgeliefert war, zum Warten verdammt.

Eine quälende Zeit war das, in der der Uhrzeiger auf der großen Turmuhr gegenüber sich selbst auf seinem Zifferblatt anzuhalten schien. Dann saß sie kerzengerade aufgerichtet, in der Mitte ihres Diwans, mit einer Tasse Malventee in der Hand und starrte unaufhörlich auf dieses magische Ziffernblatt, das sich ihrem Sofa gegenüber direkt vor ihrem Salon-Fenster befand. Wie lange mochte es noch dauern, bis der Zeiger weiter vorgerückt und sie endlich das Schellen der Haustürglocke aus ihrer Sitzstarre riss. Dann würde sie aufspringen, mit einem innerlichen Jauchzer, selig hoffend, meist bangend, ob der Postbote auch für sie einen Brief dabei habe. Nach einigen Sekunden,in denen sie sich sammelte, würde sie ihr Kleid glatt streifen und nach außen ganz ruhig und gelassen die neunundvierzig Stufen zur Hauspforte hinunter schreiten, zumal, wenn sie die Zugehfrau nicht hinunter schicken konnte, weil jene schon den Dienst beendet hatte, etwa wenn der Postbote sich verspätete. Das war ihr ohnehin das Liebste, weil sie es nicht erwarten konnte, wenn sie seinen Brief zwischen all der anderen Post, den Anfragen für Arrangements und den Rechnungen aus seinen Händen entgegen zu nehmen hatte.
Sie spürte es immer Stunden vorher, wann wieder ein Brief seinerseits unterwegs und dann endlich im Postsäckel dabei lag. Immerhin dauerte die Zustellung oft Tage, manchmal musste er auch warten, bis er ihn von unterwegs, von irgendeiner der Haltestationen einwerfen konnte. Aus jeweils einer anderen Stadt des großen Reichs erreichten sie seine Zeilen.

Mit zittrigen Fingern schlitzte sie, nachdem sie die Salontüre wieder hinter sich geschlossen hatte, stets den Briefumschlag auf, ärgerte sich, wenn sie den Brieföffner zu ungestüm durch den Envelope zog, faltete dann nervös den Brief auseinander, dessen Papier sich manchmal beim Auffalten verhakte, wodurch dann die Gefahr bestand, dass die Bütten einrissen… ja… er wusste bereits, was ihr gefiel… meist umwehte das Büttenpapier ein holzig-würziger Duft aus Zitrus, Ingwer und grünem Pfeffer, der wenn sie ein wenig mit dem noch gefalteten Brief unter ihrer Nase fächelte einen intensiveren Geruch nach Kaschmirholz, Leder und Rosmarin offenbarte, bevor er sie dann in einer intensiven Duftwolke aus Mahagoniholz, Patschuli und Moschus einhüllte, sobald sie das Papier auseinander faltete und ihre Nase darin verbarg.
Sie konnte nicht genug bekommen von diesem Geruch, vor allem, wenn ihm noch etwas Kohlenstaub anhaftete. Dann wusste sie, dass er ihn Tage lang in der Innentasche seiner Uniform bei sich, sie bildete sich dann immer ein, nahe an seinem Herzen, mit sich getragen hatte, bevor er eine Gelegenheit fand, ihn aufzugeben.

Eine ganze Weile ging das schon so… seit jenem Tag, als sie vom äußersten Rand des ehemaligen Kaiserreiches nach einem Arrangement mit seinem Zug in die Hauptstadt zurück gefahren war und es sich ergab, dass sie im Speisewagen aufeinander trafen. Er hatte sich zu ihr gesetzt und als „Zugführer“ dieser Linie und der altösterreichischen Eisenbahn vorgestellt und gefragt, ob alles zu ihrer besten Zufriedenheit sei… dann war er aufgestanden und hatte nach einem bequemeren Sitzkissen für sie verlangt, sodann einen Verlängerten für Sie und einen Einspänner für sich geordert, so waren sie ins Gespräch gekommen…
Was er so sprach, hätte sie nun, da sie an diese erste Begegnung zurück dachte, und Gedanken versunken mit dem neuen Brief hin- und her fächelte, so gar nicht mehr rekurieren können. Doch der angenehme Duft, den er verströmte, diese warmen Gewürz- und Holznoten waren ihr sofort aufgefallen, hatten ihr die Sinne betört, wahrscheinlich auch, weil sie selten einen so stattlichen Mann gesehen hatte: Groß, schlank, aufrechter Gang, keine O-Beine. Darauf achtete sie stets, schließlich wollte sie sich nicht auf einen Fußballer einlassen, dessen Lieblingsbeschäftigung darin bestünde, jede freie Minute auf dem Rasen zu verbringen und dem Rund hinterher zu laufen.
Bei der Verabschiedung hatte er ihre rechte Hand genommen, zunächst nur mit einer, sie dann mit beiden Händen umfasst und einfach nur ganz lange festgehalten, ihr dabei tief in die Augen geblickt, bevor er andeutungsweise einen Handkuss hingehaucht hatte. Was er gesagt hatte? Daran erinnerte sie sich nicht mehr, so sehr sie sich auch anstrengte und versuchte, das Gesagte in ihr Gedächtnis zurück zu rufen. Vor ihrem geistigen Auge stiegen stets seine langen, schlanken Finger auf. Sie schloss die Augen und meinte seine warmen Handteller zu fühlen. Insgesamt erinnerte sie sehr weiche Hände mit einer trockenen Haut, die ihr sehr zart vorkamen, was sie damals überraschte! Viel zu zart für einen Mann, zumal für einen Zugführer. Diese Hände schienen ihr mehr für einen Kopfarbeiter, einen Nachdenker, typisch zu sein. Das irritierte sie ein wenig. Doch es war ihre einzige körperliche Erinnerung aus dieser ersten Begegnung mit ihm, die sich nun über den Geruch aus seinen Briefen fortsetzte.
Bildete sie sich das nur ein oder war da eine unsichtbare Herzensverbindung? Zwei Seelen, die sich zufällig begegneten und im gleichen Takt miteinander schwangen.
Oder war es doch mehr eine Geistesverbindung? Eine kulturelle Linie, die beide verband, so wie seine Bahn, die Knotenpunkte des alten Reiches, die Metropole mit ihren Kronländern im Norden, Osten, Süden und Westen verknüpfte? Oder wollte er am Ende nur das finden, was ihm zuhause verwehrt blieb? Ein Abenteuer mit einer modernen, jungen Frau, die ihm und seiner ehelichen Liierung aufgrund der räumlichen Distanz nicht gefährlich werden konnte? Schließlich hatte er sich nicht angestrengt, zu verbergen, dass er bereits gebunden war. Sein goldener Ehe-Siegelring prangte deutlich an seiner rechten Hand.

Dennoch…. ein Glücksgefühl durchströmte sie, von Kopf bis Fuß, als er nach einem Vierteljahr von einer „mehr oder minder direkten herzlichen Verbindungsanmutung“, die er ihr gegenüber verspüre, in seinen Briefen sprach, stets lese er die vergangenen drei, vier Briefe nebst den eigenen, dazu gehörenden mehrfach, um einen größeren Zusammenhang zu ihr, zu ihnen Beiden zu behalten.
Was war das? – fragte sie sich seit einiger Zeit. Ein halbes Jahr ging das schon so… diese Schreiberei… diese Nähe, die sich mit jedem Brief ein klein wenig mehr steigerte… Von Intimität zu sprechen, das schien ihr allerdings verfrüht… Erlag sie einem Hirngespinst? Gaukelte ihr die weibliche Intuition eine Vision vor, die nur ihrer eigenen Einbildung, ihren Tagträumen an ihn entsprang?

Mit zittrigen Fingern faltete sie den Brief auseinander, gar nicht ungestüm wie sonst, eher vorsichtig, sie wagte kaum, ihn zu lesen, bangte, was darin stand…
schließlich wartete sie…
auf ein Zeichen…

>>Fortsetzung siehe amour fou III>>>

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