amour fou III

Feigheit! Mutlosigkeit!
Fühlte sie. Nach der sturmvollen Ruhe und der überschäumenden Revolte.

Sie verwünschte sich und die Konventionen, die ihr das Leben zuschnürten und beschwerlich machten. Manchmal sehnte sie sich in ein anderes Zeitalter. In ein künftiges. Sie hätte gern den Zeitsprung getan. Mit ihm. Dem Mann ihrer Träume. Eines, in dem sie – auch als Frau – würde frei und offen heraus reden können. Was ihr am Herzen lag. Besser darauf.
Doch, das tat eine wie sie, zu ihrer Zeit nicht.
Man redete nicht. D a r ü b e r!

Das tat Dame von Welt, auch wenn es nur jene die den Brettern gehörten, waren, nicht.
Es war nicht schicklich, den ersten Schritt zu unternehmen. Jenen auf das Objekt der Begierde hin.
Das gehörte sich nicht.
Schon gar nicht, wenn der andere verheiratet war. Zumindest vermutete sie das.
Schließlich hatte sie den schweren, dickwandigen Goldring an seiner rechten Hand aufblitzen sehen. Damals im Salonwagen, als er ihr seine Aufwartung machte und ihr mit seiner Aufmerksamkeit und seinem Humor die Fahrzeit durch die Nacht am Karpatenbogen entlang verkürzte.

Dennoch war da etwas, das sie nun wundern ließ. Über die Ausführlichkeit seiner Briefe.
Schrieb einer, der gebunden war, der glücklich liiert und am Ende gar Kinder hatte, so lange Briefe? Der kürzeste umfasste drei Seiten. Alle anderen hatten indes die Länge einer Kurzgeschichte. Sein längster zählte gar 28 Seiten. In den Wochen, in denen er nicht nach Wien kommen konnte, erreichte sie wenigstens ein langer Brief, manchmal auch noch ein kurzer Telegramm-Gruß aus Lemberg. Dann wußte sie, er hatte es kurz vor seinem Stammbahnhof aufgegeben. Vor Czernowitz. Dann wusste sie, jetzt werde sie vier, fünf Tage, manchmal auch siebene oder achte nichts mehr von ihm lesen.

Manchmal hätte sie gerne seine Stimme gehört. Das wäre ihr lieber gewesen, als ein Telegramm oder ein kurzer Kartengruß, der einen der Bahnhöfe, an denen er Halt gemacht hatte, zeigte. Ob das ein Beweis, ein Hinweis seiner Zuneigung, seines Begehrens nach ihr ward? Durfte sie das so tollkühn auslegen? Oder waren das überspannte Gedanken, die der Sehnsucht, dem Verzehren nach ihm geschuldet waren?

An Tagen wie diesen… wo sie so gar nichts sah und las… wo sie bald dreimal das Hausmädel nach dem Verbleib der Postkutsche fragte und ein schnippisches:
„Gnä` Frau, es hat noch nicht geschellt!“ zur Antwort bekam, verzweifelte sie schier.
Es zerriss ihr das Herz.
Zweifel nagten in ihrer Brust.
Eine innere Stimme flüsterte ihr ein: „Er macht sich einen Scherz mit Dir!“
„Warum sollte er sich mit Dir einlassen? Eine, die Tausend Zugkilometer weit weg wohnt? Hatte er zhaus` nicht genug Auswahl und Abwechslung? Zumal durch die Gastspiele anderer Komödianten, Kabarettisten und Sängerinnen!“

Beim letzten Gedanken seufzte sie tief, erhob sich und schritt hinüber zu ihrem Grammophon, um sich mit dem neuen Lied von Adele Kern abzulenken:
„Sag, armes Herzchen, sag“

>>>>Fortsetzung siehe amour fou IV>>>>