Roza III

Frauen haben ihre eigenen Waffen: die List ist eine davon.

Eine, die diese Waffe auf besonders listige Weise einzusetzen vermochte, war auch die Mystikerin Hildegard von Bingen. Die verkaufte sich gegenüber ihren Klosterbrüdern gerne als „arme, schwache, demütige Frau, die nichts weiß“ und behauptete ihr Leben lang, „ihr ganzes Wissen käme von Gott“. Damit hat sie die Mönche verunsichert und nicht nur die….

Auch Tante Roza war eine listige Person, ganz im Sinne der eben überlieferten Beschreibung der deutschen Volksheiligen. Allerdings glaube ich, dass Roza erst durch ihre Lebensumstände dazu wurde. Die verbliebenen wenigen Lebensjahre der Freiheit waren, nach einem jahrzehntelangen Leben, das vom Überleben (verlinken) geprägt war, zu kurz, als dass sie noch in der Lage gewesen wäre, ihr heimtückisch listiges Wesen abzustreifen.

Oder, um es unverblümt, zu sagen: Sie brachte es nicht mehr fertig über ihren Schatten und über die ihr wohl größte erlittene Schmach und Enttäuschung zu springen, die ein Mann, ihr Ehemann, ihr zugefügt hatte und reinen Tisch zu machen.

Listig wie sie war, hat sie das letzte Geheimnis, von dem sie wohl glaubte, dass es ihr ur-eigenes Geheimnis wäre, mit ins Grab genommen.

Das war egoistisch und dumm von ihr. Sie hätte ihren Mund aufmachen und reden müssen!
Sagen, was sie weiß! Statt ihr Wissen mit ins Grab zu nehmen.

Damit hat sie zu Lebzeiten sich und über den Tod hinaus vor allem derjenigen geschadet, der sie bis zuletzt am nächsten stand, weil sie das einzige war, was ihr im und vom Leben blieb: ihre Tochter Alexa.

Mit ihren Listigkeiten setzte sie andere Menschen gern unter Druck und ich gehe immer noch jede Wette ein, dass sie das bewusst kalkulierend und berechnend tat, auch wenn sie dann gern ihre Unschuldsmiene aufsetzte und sagte: „Ich bin eine arme, schwache Frau, die der einzige Mann, den sie je geliebt habe, hintergangen hat. Ich habe von nichts gewusst!“

Manchmal habe ich mich gefragt, ob sie dieses Verhalten aus List und Tücke in diesem unfreien Staat gelernt hatte!?

Immerhin gab es da gewisse Gerüchte im Familienkreis… seit damals… jenen Sommer, als halb Zentraleuropa unter Hochwasser stand und dennoch das große Wiedersehen der Familiengenerationen bei Tante Roza in der Buchenlandheimat stattfand.

Eines Abends, alle vier Generationen hatten sich im Garten von Maria zum sommerlichen Barbecue nach buchenländischer Art eingefunden. Es ereignete sich nach dem Hauptgang, jedoch noch vor dem Dessert, als Tante Roza ihr HenkeltaschenHandtäschchen zückte und den silbernen Ausweis hervorzog und damit in der Luft herum fuchtelte.

Lag es am Wein oder an den Schnäpsen, die bis dahin reichlich geflossen, die ihr die Zunge gelöst hatten? Sie ihre listige Vorsicht vergessen ließen? Oder wollte sie sich nur in den Mittelpunkt spielen? Denn zu dem Zeitpunkt hatte sich quer über den Tisch hinweg eine fröhlich-gesellige Tischgesprächsrunde entwickelt, bei der eben die betagte Tante nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit stand.

Maria und Josef, die besten Freunde von Roza und Alexa, waren ins Haus gegangen, um den Nachtisch zuzubereiten… die Familie unter sich, als sie eben jenes Metallkärtchen zückte, bei dem man auf den ersten Blick nicht wusste, war es aus silber glänzendem Blech oder tatsächlich aus echtem Silber. Jedenfalls wog es in der Hand schwer. Blei schwer.

„Ob die da Sondermüll im Täschchen mit sich trägt“ – flüsterte mir der neben mir sitzende Onkel Erich zu.

„Hoffentlich nicht, sonst sind wir jetzt alle verseucht“ – meinte seine Frau Inge, die andere und meine Lieblingstante, die es mit gehört hatte.

Während die eine Tischhälfte sich hinter vorgehaltener Hand in Frotzeleien erging, fuchtelte Roza aufgeregt mit dem Silberbillet in der Luft herum, welches ihr die jüngere Tochter Alexa mittlerweile zu entreißen suchte.

Die Sprache der beiden Rumäninnen wurde immer lauter und emotionaler, bis beide in ihrer uns nicht verständlichen Sprache regelrecht miteinander zu schreien anfingen und ich mir dachte:

„Mein Güte, die scheinen gerade keine Freundlichkeiten miteinander auszutauschen“

Da fiel im Handgemenge der Bedeutungs schwangere Bleiklumpen gerade so in meine Hand. Woraufhin jäh das Gekreische der beiden Frauen erstarb und ich mich laut in die unvermittelt eintretende Stille sagen hörte: „Der ist tatsächlich Blei schwer und glitzert, dass es einem beinahe in den Augen wehtut.“

Er war höchstens drei Zentimeter hoch, jedoch gewiss zehn lang. Auf seiner linken Hälfte war in altdeutscher Schrift der kleine Buchstabe „m“ aufgedruckt, dessen Buchstabenbeginn eine Art Hufeisen unterbrach oder verlängerte – je nach dem wie man es als Betrachterin sehen und interpretierten wollte. Der Rest des kleinen Buchstaben „m“ lag beinahe vollständig, im Hufeisen, das im Halbrund seiner Außenseite vier Erhebungen aufwies, wie die Zinnen eines mittelalterlichen Turms. Der hintere Schenkel des Buchstaben „m“ wiederum lag über einem im neunzig Grad Winkel aufgeklapptem Zirkel, dessen unterer Stab das auslaufende „m“ berührte und dessen oberer Stab mit einem Abstand von einem halben Zentimeter über dem Buchstabenrücken lag. Daneben prangten in großen Lettern zentriert ausgerichtet die beiden lateinischen Buchstaben: „Nr“ und ein Punkt.

„Da ist noch eine Art Logo aufgestanzt“ – hörte ich mich zur Familie sagen, während Alexa ihrer Mutter einen bitterbösen Blick zuwarf.
„Wenn Blicke töten könnten“, dachte ich mir, sprach jedoch laut weiter zu den anderen: Da ist noch eine Nummer aufgedruckt. In schwarzer Farbe…“

Mehr vermochte ich über den obskuren Gegenstand nicht zu berichten, da mir mitten im Satz Alexa das Kärtchen wegschnappte.
Selbst Erich, der noch nachsetzte:
„Ich möchte es auch mal sehen“ und den Alexa auch sehr in ihr Herz geschlossen hatte, bekam es nicht mehr. Alexa steckte das Silberkärtchen weg und Tante Roza setzte eine beleidigte Miene auf.

Die Stimmung war dahin.
Keiner wagte mehr nachzufragen, hatten wir Alexa doch nie so resolut erlebt. Auch wollte keiner das Geschrei der Beiden von neuem entfachen.

So endete ein heiterer unbeschwerter Abend im Schweigen. Selbst das Dessert vermochte die verlorene Stimmung nicht aufzunehmen. Es wurde gegähnt. Und Alexa meinte: „Es sei ohnehin schon sehr spät geworden und für sie und Roza Zeit, schlafen zu gehen.“

Allerdings saßen die anderen, die eigens aus Deutschland angereist waren, noch bei einander und rätselten über den ungewöhnlichen Auftritt der beiden alten Tanten:
ob das Kärtchen eine Fälschung war und sich Roza nur wichtig machen wollte!?
Schließlich hätte man es auch für ein wertloses Stück Blech halten können.
Vor allem, wozu war der Ausweise überhaupt gedacht?
Wohin gewährte er seinem Besitzer den Zutritt?

Fragen, die Roza nun mit ins Grab genommen hat – wie auch ihre Geheimniskrämereien.

Schließlich hütete sie noch ein weiteres Geheimnis…

…Fortsetzung folgt…