Roza II

Was ist ein gelungenes Leben?

Wenn eine ein-und-neunzig-jährig verstirbt, dann umfasst das vier Generationen, wenn man davon ausgeht, dass eine Generation zwanzig bis fünfundzwanzig Jahre umfasst.
Das ist irgendwie unvorstellbar.

Ein und neunzig Jahre.

Für Roza bedeutete das: Sie kannte noch das Kaiserreich, jedenfalls aus den Erzählungen ihrer Eltern, meiner Ur-Großeltern. Als sie geboren wurde, war der Ort, an dem sie das Licht der Welt erblickte und den sie immer als ihre Heimat bezeichnet hat, schon im Niedergang begriffen. Denn der Kaiser war einige Jahre vorher am Balkan erschossen worden und in Folge davon der erste Weltkrieg ausgebrochen.

Ein Krieg, der für den anderen Strang der Familie Pflichterfüllung, Disziplin, Verantwortung, Verteidigung der Heimat, Vaterland und Frontdienst bedeutete und in der Verleihung von bedeutenden Orden, gar des höchsten militärischen Ordens [angeblich! Wenn man den Erzählungen längst verblichener Tanten und Onkel jenes Stranges glauben darf] gipfelte.

Doch am anderen Ende der Welt schwelgte man – der Welt Schicksalslauf ignorierend – weiter im Glauben und Gefühl der kronländischen Zugehörigkeit. Roza erlebte eine sorgenfreie Kindheit und Jugend. Ihr fehlte es als Nesthäkchen der Familie an nichts. Sie besuchte das „Lyceum“ und erlernte mehrere Sprachen. Schließlich war das dort in der Vielvölkerstadt so üblich. Eine unbeschwerte Zeit. Bis zu dem Tag, an dem der Schatten der Geschichte, die NS-Zeit und der zweite Weltkrieg, sich über Europa und die Welt, auch jene im versunkenen Landstrich der Nord-Bukovina legte.

Jener Tag, der die Familie auseinander riss und Roza`s eigenes Leben entzweite.

Dem Verlust der Familie folgte der Verlust der Heimat dieser der Verlust der Freiheit.
Es ging die persönliche Freiheit verloren, die gesellschaftliche, die politische.
Ihr Leben war fortan geprägt vom Überleben. Zunächst unter der Hitler-Diktatur, dann unter dem sowjetischen Stalinismus, dem der sozialistische Kommunismus und nach erneuter Flucht die Jahrzehnte andauernde Tyrannei des rumänischen Imperators folgte.

Über diese Zeiten der Unfreiheit hat sie nie gesprochen. Sie waren tabu.
Als sie mit 65 Jahren zum ersten Mal die Ausreisegenehmigung nach Deutschland erhielt und nach drei tägiger Fahrt mit Bus und Bahn quer durch halb Europa reisend in der Waldheimat ankam, verlor sie in der drei Monate währenden Besuchszeit kein einziges Wort über die Zustände in ihrer eigenen Heimat. Die schwieg sie beharrlich aus. Sie schüttelte nur den Kopf und verzog das Gesicht entweder zu einer ernsten Miene oder lachte ironisch, wenn man nach dem Leben dort fragte.

Erst im hohen Alter von fünf-und-achtzig Jahren, zehn Jahre nach der Befreiung vom Diktator, kam der erlösende Satz, bei einem Familientreffen über ihre Lippen:
„Meine Kinder, nun brauchen wir nicht mehr in den Wald zu gehen, wenn wir frei miteinander sprechen wollen. Vorbei. Vorbei. Vorbei“ und bei diesem kleinen Wörtchen faltete sie wie zum Gebet die Hände vor dem Gesicht und hob sie verzückt drein blickend mehrfach gen Himmel.
„Das letzte Jahrzehnt war so schön wie das erste meines Lebens“, sagtest du zu mir, als du das Jahr vor deinem Tod deinen neunzigsten Geburtstag gefeiert hast.
„Ich möchte Hundert werden, mein Kind, hörst du!? Die nächsten zehn Jahre schaffe ich noch!“ Das war dein festes Ziel. Ein Jahrhundert Leben zu vollenden.
Nachdem du die mittleren zwanzig Jahre, zwischen deinem vierzigsten und sechzigsten verdrängt hattest, jene Jahre, die dir die schlimmsten waren, die enttäuschendsten, weil zu den Entbehrungen und Verlusten ein weiterer persönlich tief greifender Schmerz hinzutrat: Der Verlust des geliebten Mannes. Die Enttäuschung einer ehemals großen Liebe. Deiner großen Liebe. Der dich dich aufs Übelste hintergangen und dir im wahrsten Sinne des Wortes den Boden unter den Füßen entzogen hatte, als du, selbst Mutter zweier Kinder, zweier Töchter, erfahren hast, dass da ein weiteres Kind existiert. Ein Junge. Er war ein Jahr älter als deine jüngste Tochter. Doch das hast Du erst viel später erfahren [dass er älter war]… viel später…
Er, dein Mann, hatte es dir entgegen geschleudert, in jener Nacht, nachdem du ihm erneut eine Szene gemacht hattest, hinter ihm her spioniert hattest, weil du es ihm nicht mehr glauben wolltest: die vielen Überstunden, die vielen Dienstreisen, auch über das Wochenende, in die Sowjetunion. Heimlich warst du ihm hinterher gefahren, als er wieder einmal anrief und sagte, es werde später werden, du sollest nicht mit dem Abendbrot auf ihn warten.

Du hattest einen Verdacht und bist dem nachgegangen. Und hast sie schließlich gesehen. Wie sie dem alten Viertürer entstiegen war, als er die Beifahrerseite öffnete und sie im Schutze des Schirms aussteigen ließ und zum Hause geleitete, wo sie ihm nochmals um den Hals gefallen war, ihn stürmisch verabschiedete. Da stelltest du ihn. Im Regen. An seinem Wagen.

Fortsetzung folgend