Roza I

Manchmal passieren seltsame Dinge!

Freitag: 14:30 Uhr.
Er[ich]`s Uhr bleibt stehen.
Dabei war es erst Ende November, als er die Batterien beim ersten Uhrmacher am Platz auswechseln ließ. Dass der auch mit „Chinesengraffl“ handelt… dachten wir… hätten wir nicht gedacht.

Samstag: 18:00 Uhr.
Die Armbanduhr von Er[ich] steht noch immer.
Wir wählen eine vielstellige ausländische Telefonnummer.
Es klingelt lange.
Endlich nimmt jemand ab.
Unverständliche Laute hallen aus dem Hintergrund herüber ins ferne Deutschland.
„Roza kaputt“– ruft eine fremde Stimme, die keine[r] kennt, ins Telefon.

„Halloooo? Roza? Wo ist Roza?“ – rufe ich.
„Roza kaputt.“ – hallt es wieder.

Die Laute, die Worte formen, bleiben unverständlich. – Sie – die im Hintergrund schluchzt – genauso wie jene am Telefon, deren Stimme ich noch nie gehört, demzufolge niemandem zuordnen kann.
Umgekehrt scheint es dasselbe zu sein.
Ich weiß nicht, ob eine von den Beiden – Sie scheinen auf Raumtelefon gestellt zu haben – versteht, was ich sage: „Was ist mit Roza?“ rufe ich zwei-, dreimal ins kleine, zwischen den Tasten versteckte Mikrofon.

„Roza kaputt“ – schallt es zurück.
Eine Verständigung wird nicht möglich. Weder auf deutsch noch in einer anderen westeuropäischen Sprache.

„Roza kaputt“ – schallt es wieder und wieder entgegen.
Schließlich lege ich auf.
„Ist das nun unhöflich gewesen?!“ – frage ich jene, die sich um mich herum im Zimmer versammelt haben und nun genauso ratlos wie ich drein schauen. Dabei war es gar nicht so einfach gewesen, alle zu versammeln, um in den vierstimmigen Kanon eines „Viel Glück und viel Segen auf all Deinen Wegen“ einzustimmen.
Nun das!
Wir legen die Stirn in Falten…
Lass uns im Forum anrufen – sagt Er[ich].

Sonntag: 11:50 Uhr.
Die Armbanduhr steht weiter still.
Das Telefon läutet.
Ich finde den Hörer nicht sofort.
Es schellt weiter. Lauter. Eindringlicher.
Endlich zwischen den Sofakissen.
Da finde ich den Hörer und drücke den Annahmeknopf.

„Moroszc“ – meldet sich eine fremde Stimme.
Mir ist dennoch sofort klar, wer da spricht.
Im Hintergrund spricht wieder jene aufgeregte Stimme, in fremdländischen Akzent. Die Frau am Telefon übersetzt.
„Ihre Tante… sie ist tot!“
Alles sei vorbereitet gewesen, für ihren großen Geburtstag.
Stattdessen habe man sie zu Grabe getragen.
Gestern.
An ihrem 91. Geburtstag!

Ich schlucke. Kriege zuerst keinen Ton heraus.
Kalt wird mir. Und heiß. Dann wieder kalt.
„Wie… wie… was ist passiert?“
In Sekundenschnelle laufen alle mögliche Todesfolgen vor meinem geistigen Auge ab.

„Sie ist gestürzt!“ – erfahre ich.
„Gestürzt?“ – ich schreie es beinahe ins Telefon und denke mir, an einem Sturz stirbt man doch nicht…

Ja… gestürzt sei sie…. Und binnen Stunden verstorben.
Nein… nicht im Krankenhaus…
Zuhause.
Verstorben.
Erfahre ich.

Ob ich… die Familie verständige?
„Selbstverständlich!“ – sage ich…. während im Hintergrund die andere, die Fremde, wieder zu schluchzen anfängt.

Sonntag: 14:30 Uhr.
Er[ich] zeigt mir seine Armbanduhr.
„Schau mal, auf einmal läuft sie wieder!“
„Seit wann?“ – frage ich irritiert.
„Ich weiß nicht… soeben laufe ich am Tisch vorbei, wo sie neben dem Telefon lag, und sehe, dass sie wieder geht.
„Gerade so… als ob nichts passiert wäre…“, sage ich.
„Gerade so!“ – sagt auch Er[ich].

Fortsetzung folgend….