Reiseziele Ib ( „Ich“-Form]

„Es hat sich tatsächlich erwiesen, dass diese Reise von etwas weg und nicht zu etwas hin führt. Aber im Grunde habe ich das gewusst, bevor ich losfuhr.“
Dies schreibt Samuel Beckett in einem Brief an Mary Manning, am 13.12.1936, in Letters, S. 397; über den ich in Steffen Radlmaier`s Buch, Beckett in Bayern, auf Seite 63 lese.
Ein Motto, das in wundersame Weise auf meine jüngste Bayerntour zutrifft.
Bereits vor Reiseantritt ist es mir, als ob diese kurze Reise entweder zu einem Abschied oder zu einem Neubeginn, einem Neustart wird. Auf der gemeinsamen Zugreise mit Achim formuliere ich das auch so. Achim schaut dabei betroffen drein. Er ist mittendrin, eine neue Joboption auszugraben; und hätte mich gern dabei.
Ich habe auf der gemeinsamen Anfahrt bereits das dumpfe innere Gefühl, das ich das eventuell nicht mehr will. Was mir einst vertraut und lieb gewesen war; ist es noch immer. Vor Ort bei den Meetings, allenthalben ein großes „Hallo“. Jede[r] freut sich, mich zu sehen. Ein Stell-Dich-Ein des guten alten Zentraleuropaclubs. Indes die Freude währt nicht lange; viele alte Kämpen haben sich aus dem Job verabschiedet, entweder in den Unruhestand oder sind ein Haus weiter gezogen und widmen sich neuen Aufgaben und Herausforderungen.
In den Gesprächen am Rande des gemeinsamen Treffens offenbart sich viel Gemeinsames, allerdings auch Dinge, die mir abgehakt erscheinen, nein, besser nun sind. Natürlich der eine oder die andere hat nach wie vor Interesse an gemeinsamen Projekten. Indes ich sehe das nicht mehr für mich. Zu viele Inponderabilitäten scheinen auf. Neue Länder, neue Leute, neue Unwägbarkeiten. Schwierig auch die Verständigung. Nicht die sprachliche. Mehr die interkulturelle. Herwig spricht von „korruptiven Strukturen“; Peter von den „wuiden Deifln“. Ich spüre in diesen Tagen der Zusammenkünfte, was vergangen ist, ist vergangen. Alte Zeiten lassen sich nicht wieder aufwärmen. Eine schöne gemeinsame Zeit sollte als solche in Erinnerung bleiben.
Was mir missfällt; kaum Frauen im Team; oder nur sehr junge, unbedarfte, emsige Bienchen, die tun, was man ihnen sagt; irgendwie nicht mein Ding. Zu viele Macht- und Umsetzungsstrukturen wie in uralten Zeiten. Bis das nötige Vertrauen aufgebaut ist, vergehen wieder Jahre. Außerdem sind Länder involviert, die noch nie mein Ding waren, von wo die „Wuidn Deifi“ kommen.
Wie von selbst ergeben sich Begegnungen und Gespräche, die auch mir viele der Themen noch einmal bewusst machen, die mich seit langem beschäftigen.
Eine dieser wichtigen Begegnungen, ist die mit Natalja.
„Hi, how are you wie geht es Dir“
„Fine – gut; and what about you“
„Fine, too – thanks. Auch gut danke. Ich bin nun im Team von James schreibe seine englischen Reden, daher bin ich heute hier. Und Du?“
„Oh, wie interessant; ich bin privat hier; in Reminiszenz an alte Zeiten und um zu schauen, was es an potenziellen Möglichkeiten für die Zukunft gibt“.
„Ah… das ist gut! Ja, ich will das auch nicht ewig machen. Ist für eine gewisse Zeit interessant, aber ich will auch wieder zurück auf die Projektebene“.
Wir grinsen beide.
„In Deiner alten Unit suchen sie doch jemanden“ – frage ich.
„Ja. Am liebsten eine Deutsche. Früher waren drei deutsche im Projektteam, die sind nun alle weg“ – mit einem vielsagenden Blick schaut sie mich an. „Die brauchen jemand, der weiß wie der deutschsprachige Markt funktioniert.“
„Das ist bestimmt sehr interessant.“
„Jaaa. Sehr…“ antwortet sie.
In dem Moment tritt Niklas, ihr früherer Projektleiter hinzu, zu dem ich hin und wieder Kontakt hatte hinzu. „Schau mal, Sophie, ist auch bei unserem Meeting, die frühere Koordinatorin der…“
„Ja, ich weiß“, unterbricht er sie freundlich, „ich kenne Sie schon noch!“ – sprichts und gibt mir die Hand. „Was machst Du nun?“
„Ich privatisiere und bin ganz privat hier… in alter Verbundenheit.“, antworte ich.
„Oh… das ist schön. Bist Du heute Abend beim Dinner dabei“
„Natürlich“
„Dann können wir nochmals reden.“
„Gerne“

Weiter kommen wir nicht, da der Pausengong ertönt und alle zurück in den Saal ruft.
„Schön` dass wir uns getroffen“, meint Natalya und „Laß uns in Verbindung bleiben“
„Ja, unbedingt.“

Am Abend beim Dinner bekommt man feste Plätze zugewiesen; nichts mit Small talk hier oder da. Den ganzen Abend ist man dazu verpflichtet, an ein und demselben Tisch zu sitzen. Dadurch ergeben sich kaum Gespräche mit anderen, außer beim obligatorischen Stehempfang oder beim Gang zur Toiletten, wo allenfalls kurze Freundlichkeiten mit bekannten Gesichtern ausgetauscht werden können. Andererseits lernt man so gewisse Menschen, mit denen einem bis dato nicht so viel verband, näher kennen. Nachdem jede[r] zwei, drei Glas Wein getrunken, sind alle ziemlich angeheitert. Ich sehen das Ende des Abends herbei. Endlich. Gegen 23 Uhr beginnt die Gesellschaft sich aufzulösen. Aus Höflichkeit verlasse ich mit meinen Tischnachbarn das Bankett.

Anderntags noch das eine oder andere nette Gespräch. Ich erfahre, wer bei einem eventuell in Frage kommenden Projekt von verschiedenen interkulturellen Seiten noch mit macht. Als ich den Namen Ulli höre, denke ich „ohje“, weil der als schwierig gilt. Dafür seien die Italiener nicht dabei. Das könne ich mir nun gar nicht vorstellen, sage ich. Das wird sich gewiss noch ändern, denke ich mir. Es gibt doch kein Projekt, in dem die projektgeilen Italiener nicht mitmachen wollen.

Tags darauf erfahre ich, dass auf deutscher Seite alles ungewiss ist, da das deutsche Haus mitten in einer Umstrukturierung steckt. „Es ist noch völlig offen, bei wem das gesamte Projekt angesiedelt wird“, höre ich jemanden sagen. Eine Info, die sich von anderer Seite bestätigt. „Das sei aber sehr schlecht“, meint Peter, der bei diesem Projekt keine Karten im Spiel hat, weil er mit seinen anderen Projekten schon „mehr als genug ausgelastet sei“. Es sei indes schlecht, wenn die deutsche Seite nicht in die Gänge käme, weil alle anderen sich schon aufstellten. Da würden Pflöcke eingeschlagen, die man später schwer verändern könne, wenn man von deutscher Seite mal wieder alles verschlafe.“ Doch die Deutschen wollten mal wieder nicht[s] hören…

Mich beschleicht der Verdacht, dass dies ein schwieriges Projekt werden könne. „Besser Finger weg“, warnt [m]eine innere Stimme: „Internes deutsches Umfeld schwierig; da unter Umständen „Diener mehrerer Herren“, mangelhafte Personalaustattung, viele Reisen [in] [im wahrsten Sinne des Wortes] vermintes Feld, schwieriges interkulturelles Umfeld wegen der Extreme von reichen und armen Ländern im Projekt, also den einen, die schon alles erreicht und prosperierenden Wohlstand und Wirtschaft haben und den anderen, die da erst noch hin wollen, das aber mit aller Gewalt und um beinahe jeden [korruptiven] Preis.“

Man bleibe im Land und nähre sich redlich, lautet schon eine alte Volksweisheit.
Reisen bildet. Gerade auf Reisen lassen sich oftmals mit dem Abstand zum Alltag und dem Alltagsumfeld andere [Ein]Sicht[weis{heit}]en erkennen, eigene Prinzipien oder Dinge, die einem wichtig und am Herzen liegen, überprüfen. Es kann keine[r] aus seiner Haut. Auch wenn die Suche nach [einer] Alternative[n] dann eben weiter gehen [müssen] wird. Notgedrungen.

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Reiseziele Ib (Ich-Form) ist eine weitere Manuskriptvariante in Anlehnung an die Hinweise und die Diskussion in diesem Kommentarbaum des Wi[e]der[W]orte-Blog.

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der möge dies bitte auf meinem Hauptblog Wi[e]der[W]orte tun.
Die Na[c]htkant[in]e ist nämlich ein nicht-öffentliches Blog!