Reiseziele Ia (Sie-Form)

„Es hat sich tatsächlich erwiesen, dass diese Reise von etwas weg und nicht zu etwas hin führt. Aber im Grunde habe ich das gewusst, bevor ich losfuhr.“
Dies schreibt Samuel Beckett in einem Brief an Mary Manning, am 13.12.1936, in Letters, S. 397; über den sie in Steffen Radlmaier`s Buch, Beckett in Bayern, auf Seite 63, während ihrer Zugfahrt liest. Ein Motto, das ihr in wundersamer Weise auf die ihre eigene Bayerntour zuzutreffen scheint.
Bereits vor Reiseantritt ist es ihr, als ob diese kurze Reise entweder zu einem Abschied oder zu einem Neubeginn, einem Neustart wird. Auf der gemeinsamen Zugreise mit Achim formuliert sie das auch so. Achim schaut dabei betroffen drein. Er ist mittendrin, eine neue Joboption auszugraben; und hätte sie gern dabei. Auf ihrer gemeinsamen Fahrt zum internationalen Meeting hat sie dagegen das dumpfe innere Gefühl, dass sie das eventuell nicht mehr will.
Vor Ort bei den Meetings, allenthalben ein großes „Hallo“. Jede[r] freut sich, sie zu sehen. Das Treffen wird zu einem „Stell-Dich-Ein“ des guten alten Zentraleuropa-Projekts. Indes ihre Freude währt nicht lange; viele alte Kämpen haben sich aus dem ehemals gemeinsamen Projekt verabschiedet, entweder in den Unruhestand oder sind ein Haus weiter gezogen und widmen sich in einem anderen internationalen Projekt neuen Aufgaben und Herausforderungen.
In den Gesprächen am Rande des gemeinsamen Treffens offenbart sich ihr viel Gemeinsames, allerdings auch Dinge, die ihr abgehakt erscheinen und – nach ihrem inneren Gefühl – auch sind. Der eine oder die andere hat zwar nach wie vor Interesse an gemeinsamen Projekten. Allerdings scheinen viele Unwägbarkeiten auf. In einem neuen Projekt, für das sie sich erwärmen könnte und weswegen sie mitgefahren ist – durch halb Europa – sind einige neue Länder und dadurch bedingt auch neue Leute für diese Aufgabe im Gespräch.
„Doch alles ist noch ungewiss, vieles – was die Rahmenbedingungen des Projekts betrifft, völlig offen und das bedeutet eine Menge Ungewissheit“, meint sie zu mir, als wir uns in einem alten Cafe in der mittelalterlichen Stadt an der Donau treffen. „Kunst und Kaffee“ steht über dem Eingang auf einer kleinen Emaille-Tafel. Drinnen an den Wänden, auf dem Meter breiten Fenstersims und überall im Raum Bilder und Skulpturen einer hiesigen Malerin und Bildhauerin. „Menschen im Vorübergehen“ sind ihr Thema. „Menschen im Vorübergehen“ – ein Thema, das auch auf ihre Situation passe, meint sie, die Bekannte, die soeben einen Milchkaffee und ein Stück Kuchen bestellt hat.
Der Menschentypus in diesem mitteleuropäisch geprägten Raum sei ein schwieriger. Daher wisse sie nicht, ob sie sich auf ein neues Projekt mit denen einlassen soll, denn schwierig sei die Verständigung mit den neuen Leuten. Nicht nur sprachlich. Mehr interkulturell.
Zwei Kollegen sprächen von „korruptiven Strukturen“; der eine, Peter, von den „wuiden Deifln“ – sagt sie. Sie spüre in diesen Tagen der Zusammenkünfte, was vergangen sei, ist vergangen.
Alte Zeiten lassen sich nicht wieder aufwärmen. Eine schöne gemeinsame Zeit sollte als solche in Erinnerung bleiben. Oder nicht?
Was ihr am meisten missfällt? frage ich sie.
„Kaum Frauen im Team; und wenn – nur sehr junge, unbedarfte, emsige Bienchen, die tun, was man ihnen sagt; irgendwie nicht mein Ding.“
„Aber die lernen das doch auch“, sage ich zu ihr, „im Laufe der Projektzusammenarbeit.“
Sie will das aber nicht hören, wie mir scheint.
„Nein, es sind auch die Macht- und Umsetzungsstrukturen“ – sagt sie. „Weißt Du, wie in uralten Zeiten. Die Herren haben das Sagen, sitzen in den Gremien. Die Frauen bereiten die Sitzungen vor und hocken dann zuhause im Büro. Und wenn Du doch zu einer Sitzung mit-gehen darfst… „ dauere es ihr letztlich dann zu lang bis das nötige Vertrauen aufgebaut sei. „Da vergehen wieder Jahre!“
Außerdem seien Länder involviert, die noch nie ihr Ding waren, etwa jene, von wo die „Wuidn Deifi“ kommen.
„Die wuidn Deifi?“, frage ich erstaunt.
„Ja, so nennt Peter sie, die Menschen vom Balkan.“
„Aha“, sage ich.

Dann erzählt sie weiter: Wie von selbst hätten sich bei dieser Reise Begegnung Gespräche ergeben, die auch ihr viele der Themen noch einmal bewusst gemacht hatten, die sie seit langem beschäftigen.
Eine dieser wichtigen Begegnungen, sei die mit Natalja gewesen.
„Hi, how are you wie geht es Dir“ – habe die freudestrahlend gefragt, als sie sich über den Weg liefen.
„Fine – gut; and what about you“
„Fine, too – thanks. Auch gut danke. Ich bin nun im Team von James schreibe seine englischen Reden, daher bin ich heute hier. Und Du?“
„Oh, wie interessant; ich bin privat hier; in Reminiszenz an alte Zeiten und um zu schauen, was es an potenziellen Möglichkeiten für die Zukunft gibt“.
„Ah… das ist gut! Ja, ich will auch nicht ewig Redenschreiberin sein. Ist für eine gewisse Zeit interessant, aber ich will auch wieder zurück auf die Projektebene“.
Sie grinsen sich beide an.
„In Deiner alten Unit suchen sie doch jemanden“ – fragt sie Natalya.
„Ja. Am liebsten eine Deutsche. Früher waren drei deutsche im Projektteam, die sind nun alle weg“ – mit einem vielsagenden Blick schaut sie mich an. „Die brauchen jemand, der weiß, wie der deutschsprachige Markt funktioniert.“
„Das ist bestimmt sehr interessant.“
„Jaaa. Seeeehr…“ antwortet sie gedehnt.
In dem Moment tritt Niklas, Natalya`s früherer Projektleiter hinzu, zu dem sie in ihrer früheren Funktion hin und wieder Kontakt hatte.
„Schau mal, Niklas, die Sophie, ist auch bei unserem Meeting, die frühere Koordinatorin der…“ wendet sich Natalya an Niklas.
„Ja, ich weiß“, unterbricht er sie freundlich, „ich kenne sie schon noch!“ – sprichts und gibt Sophie die Hand. „Was machst Du nun?“
„Ich privatisiere und bin ganz privat hier… in alter Verbundenheit.“, antwortet sie mit einem Lächeln.
„Oh… das ist schön. Bist Du heute Abend beim Dinner dabei“
„Natürlich“
„Dann können wir nochmals reden.“
„Gerne“

Weiter kommen sie im Gespräch nicht, da der Pausengong ertönt und alle zurück in den Saal ruft.
„Schön` dass wir uns getroffen“, meint Natalya zu ihr und flüstert ihr noch rasch zu: „Lass` uns in Verbindung bleiben“
„Ja, unbedingt, ich maile dir meine neuen Kontaktdaten.“
„Fein.“- damit verschwindet Natalya im Gedränge der Menschenmenge, die sich wie auf Knopfdruck in den Saal zurück bewegt.

Am Abend beim Dinner bekommen alle feste Plätze zugewiesen. Sophie ist enttäuscht. Es wird nichts mit Small talk hier oder da. Ihr Gespräch mit Niklas wird sie nicht fortsetzen können, da sie den ganzen Abend dazu verpflichtet ist, an ein und demselben Tisch zu sitzen. Dadurch ergeben sich kaum Gespräche mit anderen, außer beim obligatorischen Stehempfang zu Beginn des Banketts oder beim Gang zu den Toiletten. Dabei können allenfalls kurze Freundlichkeiten mit bekannten Gesichtern ausgetauscht werden können.
Andererseits sagt sie mir da im Cafe, habe sie bei diesem gemeinsamen Dinner dafür Menschen, mit denen sie bis dato nicht so viel verband, näher kennengelernt. Nachdem jede[r] zwei, drei Glas Wein getrunken, seien alle ziemlich angeheitert gewesen. Dennoch habe sie das Ende des Abends herbei gesehnt. Endlich. Gegen 23 Uhr habe die Gesellschaft sich aufzulösen begonnen. Aus Höflichkeit verließ sie mit ihren Tischnachbarn das Bankett.

Anderntags ergab sich für sie noch das eine oder andere Gespräch.
Sie erfährt, wer bei dem für sie in Frage kommenden Projekt von verschiedenen interkulturellen Seiten noch mit macht. Als sie den Namen Ulli hört, denkt sie „ohje“, weil der als schwierig gilt.
Dafür erfährt sie, dass die Italiener nicht dabei sind.
„Also, das kann ich mir nun gar nicht vorstellen“, sagt sie zu mir. „Das wird sich gewiss noch ändern. Es gibt bisher kein Projekt, in dem die projektgeilen Italiener nicht mitmachen. Die wollen doch überall mitmischen und ihre Finger drin haben!“

Tags darauf erfährt sie auch, dass auf deutscher Seite alles ungewiss ist, da das deutsche Haus mitten in einer Umstrukturierung steckt.
„Es ist noch völlig offen, bei wem das gesamte Projekt angesiedelt wird“, hört sie jemanden sagen. Eine Info, die sich von anderer Seite bestätigt.
„Das ist aber sehr schlecht“, meint Peter zu ihr, der bei diesem Projekt keine Karten im Spiel hat, weil er mit seinen anderen Projekten schon „mehr als genug ausgelastet sei“. Er meinte zudem, dass es schlecht ist, wenn die deutsche Seite nicht in die Gänge kommt, weil alle anderen sich bereits in Position bringen. „Die anderen schlagen Pflöcke ein, die man später schwer verändern kann, wenn man von deutscher Seite mal wieder alles verschläft.“ Doch die Deutschen wollten davon, dass nun Eile geboten sei, mal wieder nicht[s] hören, sagt sie, habe Peter gemeint.

Mich beschleicht der Verdacht, dass dies ein schwieriges Projekt werden könne.
„Besser Finger weg“, sagt mir [m]eine innere Stimme, denn: „Internes deutsches Umfeld schwierig; da unter Umständen „Diener mehrerer Herren“, mangelhafte Personalaustattung, viele Reisen [in] [im wahrsten Sinne des Wortes] vermintes Feld, schwieriges interkulturelles Umfeld wegen der Extreme von reichen und armen Ländern im Projekt, also den einen, die schon alles erreicht und prosperierenden Wohlstand und Wirtschaft haben und den anderen, die da erst noch hin wollen, das aber mit aller Gewalt und um beinahe jeden [korruptiven] Preis.“
Schließlich lautet schon eine alte Volksweisheit: Man bleibe im Land und nähre sich redlich.
Reisen bildet. Zweifellos. Gerade auf Reisen lassen sich oftmals mit dem Abstand zum Alltag und dem Alltagsumfeld andere [Ein]Sicht[weis{heit}]en erkennen, eigene Prinzipien oder Dinge, die einem wichtig und am Herzen liegen, überprüfen. Es kann keine[r] aus seiner Haut. Auch wenn die Suche nach [einer] Alternative[n] dann eben weiter gehen [müssen] wird. Notgedrungen.

_________________________________________________________________________________________________________

Reiseziele Ia (Sie-Form) ist die Manuskriptvariante in Anlehnung an die Hinweise und die Diskussion in diesem Kommentarbaum des Wi[e]der[W]orte-Blog.

W E R mir hierzu etwas mitteilen möchte,
der möge dies bitte auf meinem Hauptblog Wi[e]der[W]orte tun.
Die Na[c]htkant[in]e ist nämlich ein nicht-öffentliches Blog!

Reiseziele Ib ( „Ich“-Form]

„Es hat sich tatsächlich erwiesen, dass diese Reise von etwas weg und nicht zu etwas hin führt. Aber im Grunde habe ich das gewusst, bevor ich losfuhr.“
Dies schreibt Samuel Beckett in einem Brief an Mary Manning, am 13.12.1936, in Letters, S. 397; über den ich in Steffen Radlmaier`s Buch, Beckett in Bayern, auf Seite 63 lese.
Ein Motto, das in wundersame Weise auf meine jüngste Bayerntour zutrifft.
Bereits vor Reiseantritt ist es mir, als ob diese kurze Reise entweder zu einem Abschied oder zu einem Neubeginn, einem Neustart wird. Auf der gemeinsamen Zugreise mit Achim formuliere ich das auch so. Achim schaut dabei betroffen drein. Er ist mittendrin, eine neue Joboption auszugraben; und hätte mich gern dabei.
Ich habe auf der gemeinsamen Anfahrt bereits das dumpfe innere Gefühl, das ich das eventuell nicht mehr will. Was mir einst vertraut und lieb gewesen war; ist es noch immer. Vor Ort bei den Meetings, allenthalben ein großes „Hallo“. Jede[r] freut sich, mich zu sehen. Ein Stell-Dich-Ein des guten alten Zentraleuropaclubs. Indes die Freude währt nicht lange; viele alte Kämpen haben sich aus dem Job verabschiedet, entweder in den Unruhestand oder sind ein Haus weiter gezogen und widmen sich neuen Aufgaben und Herausforderungen.
In den Gesprächen am Rande des gemeinsamen Treffens offenbart sich viel Gemeinsames, allerdings auch Dinge, die mir abgehakt erscheinen, nein, besser nun sind. Natürlich der eine oder die andere hat nach wie vor Interesse an gemeinsamen Projekten. Indes ich sehe das nicht mehr für mich. Zu viele Inponderabilitäten scheinen auf. Neue Länder, neue Leute, neue Unwägbarkeiten. Schwierig auch die Verständigung. Nicht die sprachliche. Mehr die interkulturelle. Herwig spricht von „korruptiven Strukturen“; Peter von den „wuiden Deifln“. Ich spüre in diesen Tagen der Zusammenkünfte, was vergangen ist, ist vergangen. Alte Zeiten lassen sich nicht wieder aufwärmen. Eine schöne gemeinsame Zeit sollte als solche in Erinnerung bleiben.
Was mir missfällt; kaum Frauen im Team; oder nur sehr junge, unbedarfte, emsige Bienchen, die tun, was man ihnen sagt; irgendwie nicht mein Ding. Zu viele Macht- und Umsetzungsstrukturen wie in uralten Zeiten. Bis das nötige Vertrauen aufgebaut ist, vergehen wieder Jahre. Außerdem sind Länder involviert, die noch nie mein Ding waren, von wo die „Wuidn Deifi“ kommen.
Wie von selbst ergeben sich Begegnungen und Gespräche, die auch mir viele der Themen noch einmal bewusst machen, die mich seit langem beschäftigen.
Eine dieser wichtigen Begegnungen, ist die mit Natalja.
„Hi, how are you wie geht es Dir“
„Fine – gut; and what about you“
„Fine, too – thanks. Auch gut danke. Ich bin nun im Team von James schreibe seine englischen Reden, daher bin ich heute hier. Und Du?“
„Oh, wie interessant; ich bin privat hier; in Reminiszenz an alte Zeiten und um zu schauen, was es an potenziellen Möglichkeiten für die Zukunft gibt“.
„Ah… das ist gut! Ja, ich will das auch nicht ewig machen. Ist für eine gewisse Zeit interessant, aber ich will auch wieder zurück auf die Projektebene“.
Wir grinsen beide.
„In Deiner alten Unit suchen sie doch jemanden“ – frage ich.
„Ja. Am liebsten eine Deutsche. Früher waren drei deutsche im Projektteam, die sind nun alle weg“ – mit einem vielsagenden Blick schaut sie mich an. „Die brauchen jemand, der weiß wie der deutschsprachige Markt funktioniert.“
„Das ist bestimmt sehr interessant.“
„Jaaa. Sehr…“ antwortet sie.
In dem Moment tritt Niklas, ihr früherer Projektleiter hinzu, zu dem ich hin und wieder Kontakt hatte hinzu. „Schau mal, Sophie, ist auch bei unserem Meeting, die frühere Koordinatorin der…“
„Ja, ich weiß“, unterbricht er sie freundlich, „ich kenne Sie schon noch!“ – sprichts und gibt mir die Hand. „Was machst Du nun?“
„Ich privatisiere und bin ganz privat hier… in alter Verbundenheit.“, antworte ich.
„Oh… das ist schön. Bist Du heute Abend beim Dinner dabei“
„Natürlich“
„Dann können wir nochmals reden.“
„Gerne“

Weiter kommen wir nicht, da der Pausengong ertönt und alle zurück in den Saal ruft.
„Schön` dass wir uns getroffen“, meint Natalya und „Laß uns in Verbindung bleiben“
„Ja, unbedingt.“

Am Abend beim Dinner bekommt man feste Plätze zugewiesen; nichts mit Small talk hier oder da. Den ganzen Abend ist man dazu verpflichtet, an ein und demselben Tisch zu sitzen. Dadurch ergeben sich kaum Gespräche mit anderen, außer beim obligatorischen Stehempfang oder beim Gang zur Toiletten, wo allenfalls kurze Freundlichkeiten mit bekannten Gesichtern ausgetauscht werden können. Andererseits lernt man so gewisse Menschen, mit denen einem bis dato nicht so viel verband, näher kennen. Nachdem jede[r] zwei, drei Glas Wein getrunken, sind alle ziemlich angeheitert. Ich sehen das Ende des Abends herbei. Endlich. Gegen 23 Uhr beginnt die Gesellschaft sich aufzulösen. Aus Höflichkeit verlasse ich mit meinen Tischnachbarn das Bankett.

Anderntags noch das eine oder andere nette Gespräch. Ich erfahre, wer bei einem eventuell in Frage kommenden Projekt von verschiedenen interkulturellen Seiten noch mit macht. Als ich den Namen Ulli höre, denke ich „ohje“, weil der als schwierig gilt. Dafür seien die Italiener nicht dabei. Das könne ich mir nun gar nicht vorstellen, sage ich. Das wird sich gewiss noch ändern, denke ich mir. Es gibt doch kein Projekt, in dem die projektgeilen Italiener nicht mitmachen wollen.

Tags darauf erfahre ich, dass auf deutscher Seite alles ungewiss ist, da das deutsche Haus mitten in einer Umstrukturierung steckt. „Es ist noch völlig offen, bei wem das gesamte Projekt angesiedelt wird“, höre ich jemanden sagen. Eine Info, die sich von anderer Seite bestätigt. „Das sei aber sehr schlecht“, meint Peter, der bei diesem Projekt keine Karten im Spiel hat, weil er mit seinen anderen Projekten schon „mehr als genug ausgelastet sei“. Es sei indes schlecht, wenn die deutsche Seite nicht in die Gänge käme, weil alle anderen sich schon aufstellten. Da würden Pflöcke eingeschlagen, die man später schwer verändern könne, wenn man von deutscher Seite mal wieder alles verschlafe.“ Doch die Deutschen wollten mal wieder nicht[s] hören…

Mich beschleicht der Verdacht, dass dies ein schwieriges Projekt werden könne. „Besser Finger weg“, warnt [m]eine innere Stimme: „Internes deutsches Umfeld schwierig; da unter Umständen „Diener mehrerer Herren“, mangelhafte Personalaustattung, viele Reisen [in] [im wahrsten Sinne des Wortes] vermintes Feld, schwieriges interkulturelles Umfeld wegen der Extreme von reichen und armen Ländern im Projekt, also den einen, die schon alles erreicht und prosperierenden Wohlstand und Wirtschaft haben und den anderen, die da erst noch hin wollen, das aber mit aller Gewalt und um beinahe jeden [korruptiven] Preis.“

Man bleibe im Land und nähre sich redlich, lautet schon eine alte Volksweisheit.
Reisen bildet. Gerade auf Reisen lassen sich oftmals mit dem Abstand zum Alltag und dem Alltagsumfeld andere [Ein]Sicht[weis{heit}]en erkennen, eigene Prinzipien oder Dinge, die einem wichtig und am Herzen liegen, überprüfen. Es kann keine[r] aus seiner Haut. Auch wenn die Suche nach [einer] Alternative[n] dann eben weiter gehen [müssen] wird. Notgedrungen.

_________________________________________________________________________________________________________

Reiseziele Ib (Ich-Form) ist eine weitere Manuskriptvariante in Anlehnung an die Hinweise und die Diskussion in diesem Kommentarbaum des Wi[e]der[W]orte-Blog.

W E R mir hierzu etwas mitteilen möchte,
der möge dies bitte auf meinem Hauptblog Wi[e]der[W]orte tun.
Die Na[c]htkant[in]e ist nämlich ein nicht-öffentliches Blog!

Genau a so is gwen

„Genau so ist es gewesen“ lautet [auf hochdeutsch] ein Buchtitel des Waldlers Otto Kerscher, der darin eine Skizze über das harte Leben in der Waldheimat abliefert: Standesstolz und Einfalt der Bauern, Armut und Hunger der Dienstboten, drei Kinder in einem Bett, keine Medikamente für Kranke, stundenlange Schulwege – durch Eis und Schnee, weite Felder und dunkle Wälder – ein Spottlohn für den 18-Stunden-Tag der Mägde, immer nur Kartoffeln und Kompott, wenig Brot. Und als Dreingabe: der Zwang zum absoluten Gehorsam gegenüber dem Hofherrn. Billig und willig muss die Hofdirn sein, Mitleid gibts am Bauernhof nicht. Wer heiraten will, muss saftige Verehelichungsgebühren zahlen. Was dazu führt, dass viele Heiratswillige den Bund fürs Leben nie schließen können. Daher die vielen unehelichen Kinder, manche Heimatforscher – wie Rudolf Reiser – schreiben von einem Drittel unehelicher Kinder aller damals Geborenen. Das ist enorm. Der Katholizismus verheißt für begangene Sünden Höllenqualen. Ein Teufelskreis, aus dem es für die damalige Jugend im 18., 19. bis weit ins 20. Jahrhundert hinein kein Entrinnen gibt.

Nicht umsonst liegt in jedem Haus die „Bibel“. Sowohl die echte, eingebunden in einen dicken, gegerbten Ledereinband, die Seiten abgegriffen, verschlissen, aus der an den langen Abenden in der dunklen, „staadn“ Zeit des Winters vorgelesen wird. „Drei Monate finster und neun Monate kalt“ – lautet heute noch ein geflügelter Spruch über die klimatischen Verhältnisse in der Waldheimat.
Die andere, den Waldlern, richtige Bibel sind die „Lebensbeschreibungen der Heiligen Gottes“ von Matthäus Vogel. Darin wird die „Unzucht“ gegeißelt und andere Vorstellungen vom reinen, keuschen Leben vermittelt. Am Sonntag liest die Hofbäuerin ihrem Hausstand daraus vor. Wer heiratet, erhält das Büchlein als Hochzeitsgeschenk, das früher in keinem gottesfürchtigen, anständigen Haus fehlte.
Von „Gehorsam, Zucht und Ordnung“ schreibt vor hundert Jahren, anno 1907, auch Leonhard Goffiné in seiner „Christliche[n] Hauspostille“. Auf Seite 310 steht geschrieben: „Gehorsam schulden Dienstboten nicht bloß in bezug auf die aufgetragenen Arbeiten, sondern auf alles, was häusliche Zucht und Ordnung betrifft.“ Sätze, die allwöchentlich in den Messen von den Kanzeln herab gelesen werden.

„Das war wie Peitschenhiebe“, erinnert sich Karl, der Schwiegersohn des Josef, der bei den „Armen Schwestern“ im Heim aufwuchs. Ich laufe mit ihm, an diesem ersten Adventssamstag des Jahres, an dem es leicht vom Wolken verhangenen Himmel grieselt, durch Kötzting.

Ein kleiner Ort in der Waldheimat, der heute ein „Bad“ [Kötzting] und seit Jahren Aushängeschild für die Traditionelle Chinesische Medizin in Deutschland ist. „Wie sich die Zeiten ändern“, meint Karl, denn da wo er früher „Pritschn an Pritschn“ [also Bett an Bett] mit fünfzig, sechzig anderen Buben im Schlafsaal, natürlich ohne Heizung, auch im Winter nur mit dünner Zudecke, lag, in denselben Räumen befindet sich heute die berühmte Klinik.

„Die Chinesen ham hoid allaweil scho gwisst, wo ma higeh muass, wo`s abergläubische Menschn und gottesfürchtign Gehorsam gibt“, brummelt seine Frau, die Berta, die uns auf ihren wackligen Füßen begleitet. Mit ihren bald fünfundsiebzig Jahren – gezeichnet durch langjährige Krankheit und das Jahrzehnte harte Waldler-Leben – ist sie nicht mehr so gut zu Fuß. Aber mitkommen wollte sie trotzdem.
„Wer woaß` ob ma` no amol do her kemma“, murmelt sie, als wir am Ufer des Weißenregen stehen bleiben und kurz verschnaufen, bevor es auf der Brücke hinüber und steil den Hügel über gepflasterte kleine Treppen zur Kirche empor geht.

Droben bei der Kirche angekommen, laufen wir dem Karl, der es plötzlich sehr eilig hat, hinterher. Da und dort bleiben wir stehen und er erzählt von den Schwestern, die hier gebetet, vom täglichen Kirchgang, zu dem die Buben sich morgens um sechs Uhr vor dem Torbogen der Kirche in Zweierreihen aufzustellen hatten. Wehe, wenn einer das versäumte oder zu spät kam. „Dann durfte er hinterher stundenlang auf Holzscheiteln knien“, meint Karl, „so lange eben wie die Schwestern glaubten, dass er Buße tun müsse, damit der Herrgott ein Nachsehen hat“.

Gern hätte ich ein paar Fotos gemacht, doch Karl drängt: „Weiter“.
Er wolle noch mehr zeigen, bevor das Dunkel einbricht.
Die paar Minuten, die wir trotzdem stehen bleiben, reichen auch, um das karge Bubenleben zu erspüren: Kalt pfeift der Wind durch diesen Torbogen, bucklig uneben noch heute der Weg. Wenn man länger als ein, zwei Minuten auf einem Fleck stehen bleibt, spürt man die Unebenheit der Pflastersteine durch die bequemen, warm gefütterten Winterstiefel.
„Damals trugen wir Lederschuhe. Hart geworden vom ständigen Tragen auf Regen- und Schnee durchtränkten Straßen“ – deutet Karl auf unsere Schuhe. Über Nacht trockneten sie damals kaum, so dass die Knaben des Morgens ins feuchte Schuhwerk schlüpfen mussten. Ein Paar Winterstiefel hatte jeder. „Das musste reichen“, so Karl, „die trug man auf, bis sie auseinander fielen.“ Notfalls wurden sie beim Schuster geflickt. Wer heraus wuchs, bekam die Schuhe von einem älteren Heimjungen, der wiederum aus den seinen heraus gewachsen und von einem anderen noch älteren dessen Schuhe zum Auftragen erhielt. So schraubte sich die Kette endlos nach oben bis zu den Ältesten, die sich wiederum bei den Schwestern ihr neues Schuhwerk erarbeiten mussten – mit Arbeiten im Garten, in der Wäscherei, in der Schreinerei.
Oder „andere Frondienste“, wie Karl das nennt beim Gang durch die Gassen der verwinkelten Stadt. Sie kommt mir auch an diesem Tag eher noch wie ein Dorf als eine Stadt vor. Ein „Bad“ vorne weg gestellt, macht eben aus einem verschlafenen noch keinen prosperierenden Ort.

„Sagt da Papst, wos a wui,
uns is koa Eid` ned zvui,
mir ham koan Wissnsduascht,
uns is ois wuascht“

rezitiert Karl vor sich her,
„Oiso nacha, hock di` her,
s`is doch schee,
dass ma mia ollesamt
so an scheen` Glaub`n ham.
Do gibt’s scho gar nix mehr.
Hau´ a Pris` her!“

Karl bricht in schallendes Gelächter aus.
Berta grinst.
Wahrscheinlich wäre es jetzt gemütlicher, würden wir diesen Spruch in einem der Wirtshäuser sitzend, die es hier zuhauf gibt, hören, bei einer „Halbe“ [Bier], die hierzulande gern getrunken wird, und danach quasi als Bestätigung „dass woa is“ einen anderen sagen hören, der dazu eine Prise Schnupftabak in die Nase hoch zöge. Worauf alsbald ein kräftiges Niesen folgen, das große, rot oder blau karierte Schnupftuch aus der Hosentasche gezogen, und kräftig hinein gerotzt würde.

Stattdessen sind wir mittlerweile an der Metzgerei und bei dem Dampfbäcker, bei dem morgens nach der Messe, stets ein paar Heimbuben das Brot oder an besonderen Festtagen auch die Semmeln holten, vorbei gekommen und steigen hinan zum Marktplatz, zum Christkindlsmarkt, wie hierzulande die Weihnachtsmärkte heißen.

„Mei des is a Scheena“, seufzt Berta, als wir oben angekommen.
„Ein viel Schönerer, als dahoam bei uns“, pflichtet ihr Karl bei.
Ich kann nichts Besonderes an den sechzehn Holzbuden finden, die hier am Rande des kleinen Marktplatzes aufgereiht sind.
Mit einer Ausnahme: Ganz oben an der Stirnseite des rechteckigen Platzes steht ein wunderschönes altes Jahrmarktskarussell mit alten, holzgeschnitzten Figuren: Pferde, Eichhörnchen, Biber und anderes Waldgetier warten auf die kleinen „Woidla“, Buben und Mädchen, die sich an diesem winterlichen Adventsnachmittag nicht so recht blicken lassen wollen, um eine kleine Runde durch den imaginären Wald zu drehen, der durch einzelne Gassen herüber spitzt.

_____________________________________________________________________________

W E R mir zu „Genau a so is gwen“ etwas mitteilen möchte, der möge dies bitte auf meinem Hauptblog Wi[e]der[W]orte tun.
Die Na[c]htkant[in]e ist nämlich ein nicht-öffentliches Blog!