1.9.6.1.

17-12_Fackelwanderung_de Wintasunn-2

Wie lange er schon im Dunkeln auf der Eckbank da gesessen und zum glühenden Ofen hingestarrt hatte, konnte er nicht sagen. Die dicke Rauchwand in der Küche und der mit Zigaretten überquillende Aschenbecher signalisierte ihm, dass es schon lang sein musste.
Langsam erhob er sich, ging zum Fenster, öffnete es und entließ sowohl Zigarettenqualm wie auch Glutshitze hinaus in den nächtlichen Morgen. Am Fenster stehend atmete er die kalte Februarluft tief ein. Bevor er es wieder schloss, sich umdrehte, zum Kachelofen ging, die Ofenklappe öffnete, einige Kohlen hineinwarf und die Lucke halb offen stehen ließ. Auf dem Weg zurück zur Eckbank streifte sein Blick die Küchenuhr, die über dem Zimmereingang hing:
„Drei Uhr Dreissig“, seufzte er, „erst.“
Noch vier Stunden bis es hell wurde, Burgl aufstehen und mit ihm Kaffee trinken würde.
Er nahm wieder Platz, griff sich eine neue Schachtel „ERNTE 23“, öffnete sie, schlug die Packungskante dreimal gegen den Zeigefingerknochen seiner linken Hand und fingerte eine Zigarette heraus. Mit zittriger Hand steckte er sie sich in den rechten Mundwinkel, bevor er nach der Zündholzpackung griff und den letzten roten Streichholzknopf zum Entzünden brachte, mit linker Hand die Flamme schützend, ihn zum Zigarettenstengel führte und den zum Glühen brachte.

Mit einem tiefen Zug atmete er den Geruch des Tabaks ein, sog ihn tief hinunter in seine Lungenflügel und hielt die Luft an, um ihn nur lange dort unten zu halten. Mit dem Streichholz leuchtete er auf seine Armbanduhr, die er wie jeden Morgen direkt vor sich auf den Tisch hingestellt hatte.
„Einundzwanzig – zweiundzwanzig – dreiundzwanzig – vierundzwanzig – fünfundzwanzig – sechsundzwanzig – siebenundzwanzig – achtund….“ – länger hielt er es nicht durch. Länger konnte er ihn nicht gefangen halten. Wie man ihn nicht hatte halten können. Dann brach der Rauch aus ihm heraus… begleitet von anhaltend bellenden Husten, der ihm die Tränen in die Augen trieb. Mit der linken Hand griff er in seinen Hosensack und zog ein kariertes Schnupftuch heraus.
Da spie er den Lungentuberkel hinein, rotzte sich den gelben Brei aus der Nase.
Am liebsten hätte er ihn sich aus dem Gehirn gerissen.
Alles heraus gerissen. Damit er sie nicht mehr sehen müsse.
Die gelben Gespenster, die nächtens ihr Unwesen mit ihm trieben und manchmal auch bei Tag.

Am schlimmsten war es des Nachts, wenn sie kamen. Wenn sie sich an sein Bett schlichen. Ihm auf die Schulter tippten. In sein Ohr wisperten. Ihn heraus trieben. Obwohl er nur eines wollte: Schlafen.
Meist wälzte er sich einige Male hin und her. Bis er es nicht länger ertrug. Dann stand er auf. Bevor Burgl davon aufwachte. Wenigstens sie sollte schlafen. Sie brauchte den Schlaf doch nötiger wie er.
Er schlich sich wie ein Dieb im eigenen Haus erst den langen eiskalten Gang, dann die schwere Eichentreppe hinunter. Dass das alte Holz im Haus bei fast jedem seiner Schritte knarzte, dafür konnte er nicht. Er brauchte auch kein Licht. Alles fand er im Dunkeln. Auch die engen Stufen, die hinab ins Erdgeschoss führten.
In der Kuchl schürte er als erstes immer ein. Den Blick zur Uhr hatte er sich abgewöhnt, er wusste ohnehin, dass es erst halbdrei oder drei in der Frühe war. Er wusste auch, dass das von früher kam. Erst von den Nächten in den Gräben, dann von der Drangsal in den Baracken.

Er schürte ein. Wenigstens das konnte er. Wenigstens das hatte er.
Wärme. Er brauchte nicht mehr zu frieren. Meistens brauchte es eine halbe Stunde bis der Ofen die bullerige Hitze abgab. Er schürte solange bis er ihn zum Glühen brachte. Wenigstens einmal musste er richtig geglüht haben.
Dann erst setzte er das Wasser auf, das er für seinen ersten Kaffee brauchte. Damit es ihn auch von innen wärmte.
Von außen und innen. Es warm haben. Das war wichtig.
Nur das vertrieb die Gespenster. Manchmal.
Meist blieben sie da. Standen reglos an der Wand. Starrten ihn von dort an.
Frauen. Männer. Kinder. Es waren immer mehrere.
Wenn sie ihn ärgern wollten, tanzten sie im Schein des Feuers. Vollführten an der Wand ihre Freudentänze. Bevor sie den Schabernack trieben. Mit ihm.

Der Wasserkessel pfiff und trieb die Gespenster auseinander.
Mit blossen Händen griff er den Holzgriff und goss Wasser in den Filter, den er oben auf der Kanne aufgesetzt. Wieder und wieder goß er das kochend heiße Wasser nach. Bis sich die lange, schlanke Kanne bis oben hin gefüllt hatte. Das reichte meist bis zum Morgengrauen. Acht bis zehn Tassen bekam er heraus. Fünf Tassen stellte er stets hin. Eine für sich. Eine für Burgl. Drei für die Frauen. Die kleinen Löffel legte er in die Mitte zum Zucker und zum Kaffee.

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Die Na[c]htkant[in]e ist nämlich ein nicht-öffentliches Blog!

Kapitel 3 – Generationen und Personen

In der Familie vererb[t]en bis zur Generation der Großmutter die Frauen der nächsten Generation ihren Vornamen –und als Zugabe ihren starken Charakter, ihren unbeugsamen Kampfgeist.
Mit der Tradition haben liebe Schatzsucherinnen, erstmals wir, Eure Mütter und Väter, gebrochen. Ihr erhieltet aus religiösen Gründen Eurer Eltern einen einzigen, seltenen biblischen Vornamen.
Mir gefielen von jeher die französischen Mädchennamen am besten. Das mag Mitte der 1980er Jahre der damaligen Zeit geschuldet gewesen sein, in der die Völkerverständigung mit dem französischen Nachbarn sehr hoch gehängt, eine große Rolle – auch im öffentlichen Bewusstsein spielt[e]. Heute – im Jahr 2012 – zum Zeitpunkt dieser Niederschrift – ist das anders. Ich kenne niemanden, der aktuell oder in den letzten Jahren seine Tochter Nathalie genannt hätte.
In der Vergangenheit – verfolgt man den Stammbaum über mehrere Generationen zurück, wird deutlich, dass mütterlicherseits, ebenfalls religiöse, heilige Namen sowohl für das weibliche wie auch für das männliche Geschlecht eine besondere Rolle spielten; als Zweitnamen wurde in der Familie der Großmutter „Wald“ fast immer der Name „Maria“ oder „Josef“ hinzu gewählt.
In der Familie des Vaters erhielten alle Frauen und Männer stets die Vornamen der weiblichen bzw. männlichen Vorfahren. Zusätzlich wurde bei den Männern der Name des aktuellen Kaisers dem Rufnamen vorangestellt oder angehängt.
Außerdem wurde bei der Taufe jedem Kind aus dem Kreis der Heiligen ein persönlicher Schutzengel zugewiesen. Bei der Erzählerin ist das der Erzengel Gabriel. Diese Schutzengelschaft wurde mit Kommunion und Firmung erneuert. Der Schutzengel soll einen ein Leben lang begleiten, Schutz und Kraft geben. In der Familie von Großmutter „Wald“ spielte der Katholizismus eine besonders große [dramatische] Rolle, daher – und weil Ihr, liebe Schatzsucherinnen, von Geburt an anderen Glaubens [noch immer ?] seid – weise ich darauf hin. Angeblich [!] – Belege fand die Erzählerin keine [!] – soll eine Familienangehörige Wunder vollbracht und heilig[oder war es selig?] gesprochen worden sein. Ein Mythos? Ich meine ja! Vielleicht erklärt die bis in die 1970er Jahre hinein gelebte große Religiosität der Urgroßeltern „Wald“ und auch noch Eurer Großmutter „Wald“ für Euch das eine oder andere.
In der Tat mutet es auch wie ein Wunder an, dass Euer Urgroßvater „Wald“ nicht nur den „Kriegskessel“ als einer der „Fünftausend“ überlebte, sondern endlich als einer der Letzten zu Beginn der 1950er Jahre [Jahr muss nochmals genau erfragt werden!] aus langjähriger russischer Kriegsgefangenschaft heimkehrte. Dem wird hier ein eigener Handlungsstrang gewidmet [werden], weil er Vieles, das sich seit den 1950er Jahren bis heute ereignet[e], erklärt. Gewisse Entwicklungen können nicht losgelöst von diesem in die Familie [aus Erzählerinnensicht] tief hineingreifenden Ereignis betrachtet werden.

Weiters…
eine große Rolle spielte irgendwann zu irgendeinem Zeitpunkt im Leben einer jeden Generation die kritische Auseinandersetzung mit dem Glauben und der Kirche. In der Generation der Großeltern Wald führte dies zur Abkehr vom Katholizismus und zu großem Zerwürfnis zwischen den beiden Generationen „Wald -Urgroßeltern“ und „Wald-Großeltern“.
Ich lege dies ausführlicher an dieser Stelle dar, weil es der Erzählerin für das Hintergrundsverständnis wichtig erscheint. Ob es innerhalb der eigentlichen Geschichte[n] – aus der Sicht der Erzählerin – noch eine tragende Rolle spielen wird, wird sich erst noch zu einem späteren Zeitpunkt, wenn mehr geschrieben ist, herausstellen.
Festzuhalten ist an dieser Stelle:
Diese Glaubens-Auseinandersetzungen scheinen auf den Vater der Schatzsucherinnen, den Di., sehr prägend gewesen zu sein, da diese Auseinandersetzungen in den 1980ern aufs Heftigste zwischen den Generationen weiter geführt worden sind und aufgrund der räumlichen Wald-Nähe den Di. nachhaltig prägen konnten. Hinzukommt, dass diese Glaubens-Auseinandersetzungen Ende der 1970er Jahre zu einem bis zum Tod der Ur-Großeltern [Ur-Großvater Sepp gestorben im Februar 1981; Ur-Großmutter Burgl gestorben im August 1993] anhaltenden Bruch führten.
Ferner ist die Erzählerin überzeugt, dass diese Auseinandersetzungen, die sich vermutlich tief im Unterbewusstsein des Vaters der Schatzsucherinnen, des Di., verankert haben, dazu beitrugen, dass er – es muss im Jahr 2006 gewesen sein – zu einem anderen Glauben konvertierte. Allerdings nahm darauf gewiss seine Ehefrau, der Schatzsucherinnen-Mutter, Be., erheblichen und mit maßgeblichen Einfluss. Da sie zwei oder drei Monate später, nachdem er um-be-kehrt war, mit der ersten von Euch Schatzsucherinnen, schwanger war. Zu diesem Zeitpunkt bestand die Ehe der Beiden jedoch bereits neun oder zehn Jahre.
Jedenfalls führte diese Hinwendung des Di. zu einer anderen – als der katholischen Kirche – auch zwischen der gegenwärtigen Generation und der Großeltern Wald-Generation zu neuen und bis dato andauernden Diskussionen über Glauben, Kirche und Religion.
Fast wäre es infolge dieser Um-ER-Ziehung zu einem [wie bereits in der vergangenen Generation erlebten] Bruch innerhalb der Gegenwarts-Generation gekommen, da dieser Schritt von allen lebenden Familienangehörigen verstandesgemäß nicht nachvollzogen werden konnte. Kein Wunder, dass sein Schritt eine gewisse über einige Jahre andauernde Eiszeit herbei führte, bei der erst in jüngerer Zeit Tauwetter einsetzt. Falls dies von neuerer Bedeutung wird, wird ggf. darauf hier gesondert eingegangen werden.
Eines steht jedenfalls als vorläufiger Schlussstrich unter das Thema „Religion“ fest: Zu früheren Zeiten wäre weder in den Generationen väter- noch mütterlicherseits die Abkehr eines Familienmitglieds vom katholischen Glauben denkbar gewesen. Eine Person, die dies versucht hätte, hätte wohl mit empfindlichen Repressalien [ins Gebet genommen werden, massive Einflussnahme, unter Druck setzen, Einschüchterung] der anderen Familienmitglieder rechnen müssen. Die Ehe mit einer Andersgläubigen wäre unter allen Umständen verhindert und unterbunden worden: Einen Mann hätte man wohl mit gewissen Aufgaben versehen in ein anderes Land geschickt [um die unglückselig machende Liebe zu vergessen] und eine Frau kurzerhand in ein weit abgelegenes katholisches [Nonnen]Kloster [zur Bekehrung und Rückfindung auf den rechten katholischen Weg] abgeschoben oder zu einer gläubigen Tante außer Landes gebracht.
Allerdings ist diese intensive Glaubens-Auseinandersetzung zwischen den Generationen nicht die Regel, sondern innerhalb der weit verzweigten Familiengeschichte eine Ausnahme. Dennoch erscheint sie mir, der Erzählerin, für den bestehenden Hintergrund des Leseverständnisses wichtig, da bestimmte Handlungsverläufe vermutlich ohne die Verankerung des Katholizismus im ureigenen Unterbewusstsein in dieser Form bei religiös anders Geprägten, ich bin mir sicher z.B. bei Pietisten, so niemals sich ereignet hätten oder ereignen würden. Daher kann der Geschichtsverlauf im Folgenden vielleicht auch als einer mit von der katholischen Erziehung her kommend erklärt[gedeutet] werden.

Hinweis: Vielleicht wird zu einem späteren Zeitpunkt, wenn mehr der Geschichte nieder geschrieben steht, aus diesem Kapitel ein eigenes mit dem Titel: Einfluss der Religion auf die Personen/Generationen!?!?!?
Zu einem späteren Zeitpunkt wird hier auch der für die Geschichte bedeutende Stammbaum als Foto hinterlegt werden.

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Er möge sich still verhalten und durchwursteln, um heraus zu finden, worum es hier geht 😉

In Kürze folgen:
Kapitel 4 = entweder „Motivation“ oder „wie alles begann“
Kapitel 5 = „Die Geschichte nimmt ihren Lauf“